Wohnen, sozial

von Jan Schellhorn
Redaktion: Niloufar Tajeri
10.09.2018

„Menschen, die in den Städten arbeiten, werden aus ihnen heraus gedrängt, da günstige Wohnungen dort nur selten oder garnicht zu haben sind. Denn teure Wohnungen bieten ein weit größeres Spekulationsfeld.“

Zu dieser auf den heutigen Wohnungsmarkt ziemlich zutreffenden Aussage hatte sich Friedrich Engels bereits 1900 verleiten lassen. Verdrängung aus der Stadt scheint daher kein zeitgenössisches Phänomen, sondern vielmehr ein andauernder Missstand der Marktwirtschaft zu sein. Wenn eine börsennotierte Aktiengesellschaft wie Vonovia einen jährlichen Gewinn von ca. 890 – 910 Mio. Euro erwirtschaftet, so liegt das Interesse der privaten Wohnungsunternehmen klar in der Renditenmaximierung. Die Rendite lässt sich besonders dann maximieren, wenn großflächig energetische Modernisierungsmaßnahmen großzügige Mieterhöhungen zur Folge haben. Als „ungenutztes Potential“ oder eine „stille Verschwendung“ wird Wohnraum angesehen, aus dem mehr Profit erbracht werden könnte. Zwar werden durch Modernisierung- und Sanierungsmaßnahmen hochwertigere Wohneinheiten geschaffen, jedoch kann sich die untere Einkommensschicht die entsprechend höheren Mieten nicht mehr leisten. Der Staat übernimmt zwar Verantwortung mit der „sozialen Wohnraumförderung“, doch gilt hier die Frage einzubringen, wer genau von dieser Förderung profitiert?

Gerade die untere Einkommensschicht ist bei der Wohnungsmarktentwicklung der größte Verlierer: Gab es 1987 noch 3,9 Mio. geförderte Wohnungen, waren es 2011 nur noch 1,8 Millionen und jährlich fallen etwa 100.000 weitere aus der sozialen Mietpreisbindung heraus. Das Wohnen wird als Ware behandelt und schafft somit eine Ungleichheit der Lebensqualität. Es wird aber von seiner psychologischen und sozialen Bedeutung entfremdet – damit wird die Beziehung der Betroffenen zu ihrem innersten lebensweltlichen Zirkel prekär. Wohnen ist die Sehnsucht nach Verwurzelung und Geborgenheit, nach Identität! Den Bewohnerinnen und Bewohnern fehlt das Mitspracherecht, dem Staat fehlen die Lösungen und die Privatwirtschaft kann ungehindert fortfahren und das Problem verschärfen.

Daher bedarf es weiterer Akteure, die Einfluss auf die Entwicklung des sozialen Wohnungsbaus nehmen können. „Qualitativer sozialer Wohnungsbau“ scheint heutzutage von seiner Begrifflichkeit ambivalent, doch aus der Errungenschaft der Architektur des Neuen Bauens, Wohnqualität für alle trotz geringer finanzieller Mittel geschafft zu haben, lässt sich das Potential der Architektur ableiten, mithilfe der eigenen Werkzeuge nachhaltige und progressive Konzepte entwickeln zu können. Doch heutiger, vermeintlich qualitativer Wohnungsbau definiert sich anhand der Rendite eines Quadratmeters. Wenn großflächig investiert wird, geht es um die Wirtschaftlichkeit des Gebiets und nicht um die Qualität eines Quartiers. Es geht nicht um langfristige Planung sondern darum dem Gebiet einen möglichst hohen Marktwert zu geben und die „Wohnprodukte“ dann zeitnah zu verkaufen. Die heutige Aufgabe des Architekten im Wohnungsbau ist demnach im gewinnorientierten Korsett zu entwerfen, und diesem anschließend ein ästhetisches Kleid überzuziehen, das „Wohnen“ suggeriert, aber vor allem Profit erzielen soll.

Doch wenn der Markt es der Architektur nicht erlaubt entsprechend zu agieren, so kann hier die Universität eine wichtige Rolle übernehmen, da sie nicht den Regeln des Marktes unterliegt. Sie hat das Potential als Bindeglied zwischen ökonomischen und sozialen Interessen zu vermitteln. Sie kann forschen, analysieren, kritisieren, weiterentwickeln.

Bisher fußten seit Gründung der BRD staatliche Eingriffe in den Wohnungsmarkt nicht auf einer nachhaltigen sozialen Grundlage. Durch das Erlassen des Wohnungsbaugesetzes 1950 wurde zwar das „Soziale“ in der Marktwirtschaft gefördert, jedoch bestand die Attraktivität des Wohnungsbausektors für Investoren darin, dass der soziale Wohnraum nur temporär diesen Status inne hatte und letztlich auf den freien Markt kommen würde. Mehr als die Hälfte der in dem kommenden Jahrzehnt entstanden Wohnungen wurde staatlich finanziert, wodurch Mieten vorerst reguliert werden konnten. Doch wich die Zwangswirtschaft auf Drängen dem Markt und so wurde 1963 die Mietpreisbindung abgeschafft. Folglich verdoppelten sich die Mieten in der BRD in den 1970er Jahren, wobei der Staat die Differenz zwischen Kosten- und Sozialmieten übernahm. Aufgrund der in Kritik geratenden sozialen Vergünstigungen wurde 1988 die Wohngemeinnützigkeit abgeschafft, welche nahezu 60 Jahre das Regulieren von Mietpreisen ermöglicht hatte. Die daraus resultierende Gleichstellung der gemeinnützigen und privaten Eigentümer überführte Wohnungen zu Spekulations- und Verkaufsobjekten. 2001 wurde die Bauförderung massiv gekürzt, wodurch Wohnraum hauptsächlich der privaten Immobilienwirtschaft überlassen wurde. Mit Subjekt- statt Objektförderung gewährte der Staat nun den Menschen der unteren Einkommensschicht Mietzuschüsse, somit flossen die staatlichen Gelder als Transferzahlungen in die höheren Mieten. Mit der 2006 in Kraft getretenen Föderalismusreform verabschiedete sich der Staat in seiner Verantwortung der sozialen Wohnraumförderung und übertrug die Zuständigkeit den Bundesländern. Zahlte er bisher den Ländern seit 2007 0,5 – 1,5 Mrd. Euro jährlich als Kompensationszahlung für die Schaffung sozialen Wohnraums, wurden diese Gelder jedoch häufig anderweitig investiert, da die Finanzhilfe nicht an sozialen Wohnungsbau zweckgebunden war. Die heutige Wohnungsknappheit in deutschen Großstädten ist in diesem Zusammenhang zu betrachten.

Der Wohnungsbau unterliegt heutzutage zu einseitig den kapitalorientierten Wirtschaftsinteressen, die der sozialen Komponente und dem Gebrauchswert von Wohnen wenig Beachtung schenkt. Durch das Einbringen und Verflechten von neuen Akteuren könnten hierbei nachhaltige und qualitative Konzepte entstehen die dem Wohnungsmarkt Alternativen gegenüberstellt. Die Universität ist dafür ein potentiell geeigneter Experimentierraum, da sie losgelöst vom Markt die Möglichkeit hat interdisziplinär zu experimentieren. Doch dieser Freiraum, sich mit der Realität und Komplexität des Marktes kritisch auseinanderzusetzen, diesen zu reflektieren und auf dieser Grundlage zu entwerfen, wird nicht ausreichend genutzt. Das architektonische Entwerfen sollte den Fokus wieder stärker auf einen gesellschaftlichen Gebrauchswert anstatt einen kapitalistischen Tauschwert legen. Nach dem Modell Wettbewerbe zu simulieren, indem der schönsten Fassade Beachtung geschenkt wird, wird keine ausreichende Tiefe geschaffen, um sich einer kritischen, komplexen Entwurfspraxis in Zukunft gegenüber stellen zu können. Die Universität braucht eine neutrale Haltung dem Markt gegenüber, um die Freiheit zu haben allen Akteuren die Aufmerksamkeit zu schenken ohne durch eine vorbelastete Haltung eingeschränkt zu sein. So kann sie die Bewohnerinnen und Bewohner in den Entwurf mit einbeziehen, die Architektur nach dessen Bedürfnissen ausrichten und auf dieser Grundlage Konzepte entwickeln.

Um innovative Konzepte in die Realität umzusetzen muss der Staat hierfür den nötigen Raum schaffen. Bei den staatlichen „sozialen Wohnraumförderungen“ sollte der Weg transparenter und somit nachvollziehbarer sein. Wie wird gefördert, wo geht die Förderung hin und wer profitiert von dieser? Zusätzlich sollten die Wohnflächen davor geschützt werden als Spekulationsobjekte gehandelt zu werden, wie es in der Stadt Ulm der Fall ist. Aufgrund eines hohen Vorrates an Grundstücken kann die Stadt die Bebauung und die Grundstückspreise besser regulieren, sowie nicht zwangsläufig an den Meistbietenden sondern auch an das beste Konzept verkaufen. Daher kann sie dementsprechend auch eine nachhaltige Stadtentwicklung gewährleisten. Vor Bodenspekulationen schützt sich die Stadt, indem sie von einem Wiederkaufsrecht Gebrauch macht, sollte nicht innerhalb von zwei Jahren die geplante Bebauung errichtet werden.

Ebenfalls könnten verstärkt Genossenschaftsmodelle und gemeinwohlorientierte Wohnkonzepte gefördert und eingefordert werden, die an eine langfristige soziale Wohnraumförderung geknüpft sind. Hierbei wird nachhaltiger und qualitativer sozialer Wohnungsbau geschaffen. Die Exklusivität der Rendite kann somit nicht mehr einzig den Anreiz der privaten Wohnbauunternehmen bilden. Staatliche Förderungen durch Steuergelder sollten dauerhaft dem sozialen Wohnungsbau zugeführt und nicht in den Profit der Investoren übertragen werden können, wie es bei z. B. Transferzahlungen der Fall ist. Ein alternatives Beispiel liefert das Mietshäuser Syndikat. Es entzieht durch ein selbstorganisiertes kollektives Eigentumsprinzip dem Markt Immobilien und kann so die Mieten der Bewohnerschaft selbst regulieren, sodass aus Kapitalkosten ein Solidarbeitrag geschaffen werden kann, wodurch aus den Umsätzen mehr Gemeinwohl gefördert wird.

Dabei sollte die Architektur stärker auf die Bedürfnisse und Gestaltungsideen der Bewohner eingehen, sodass diese auch die Möglichkeit haben sich mit ihrem zukünftigen Zuhause zu identifizieren, womit zugleich Vielfalt statt Anonymität geschaffen werden kann. Ebenfalls sollte der Fokus der Baubranche nicht allein exzessiv aufs „bauen, bauen, bauen“ gelegt werden, sondern vielmehr auch auf nachhaltige Konzepte wie das Bauen im Bestand. Durch zum Teil hohen Leerstand ist doch massig nötiger Raum vorhanden. Innovative Konzepte können hier progressive Beiträge leisten.

Durch qualitativen bezahlbaren Wohnraum aller Einkommensschichten wird das soziale Miteinander, Chancengleichheit und Zukunftsfähigkeit gefördert. Daher sollte auch auf die Bedürfnisse der Bewohner aus unteren Einkommensschichten eingegangen werden, um der gesamten Gesellschaft eines Sozialstaates die Möglichkeit von Lebensqualität zu geben. Die Universität muss hierbei lernen, die Missstände der Marktwirtschaft stärker zu reflektieren und nach architektonischen Mitteln suchen, diese zu kompensieren. In ihrer Verantwortung die zukünftigen Architektinnen und Architekten für die Baupraxis auszubilden, sollte sie diesen die Werkzeuge mit auf den Weg geben die Missstände des Marktes zu erkennen und auf diese eingehen zu können. Diese Auseinandersetzung braucht es, um tatsächlich progressive Konzepte schaffen zu können. Gute Architektur soll nicht konsumiert sondern muss erlebt werden, sie wird nicht nach den Kosten ihrer Materialität definiert, sie überdauert!

Kontext
Dieser Text ist im Rahmen der Schreibwerkstatt Thesaurus Architektur im Sommersemester 2018 am Institut gtas entstanden.

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