Material, vital

von Almut Grüntuch-Ernst
Redaktion: Martin Peschken
01.11.2017

Hortitecture ist aus lateinisch hortus (Garten) und architecture abgeleitet. Diesen Begriff möchte ich einführen, um damit die Suche nach synergetischen Effekten zwischen Architektur und Pflanzen zu bezeichnen: Projekte, die das Potential vitaler Pflanzen für die Architektur ausloten, nämlich zugleich Material und Agent von Architektur zu sein. Hortitecture grenzt sich damit ab sowohl von der Verwendung von Pflanzen als totem, verarbeiteten Material, von der bloßen Applikation von Pflanzen als Mimikri von Natürlichkeit als auch von der biomorphen Simulation von bei Pflanzen beobachteten Effekten in der Herstellung synthetischer Stoffe und Konstruktionen.

Als Gegentrend zu unserer hochtechnisierten, zunehmend von Digitalisierung und Phänomenen der Virtualisierung gekennzeichneten Zivilisation gewinnen ganzheitliche, naturnahe Ansätze in den Bereichen Ernährung, Medizin und Lifestyle eine neue Wertschätzung.

Aus Pflanzen gewonnene Materialien stehen am Anfang der Geschichte des Bauens und sie führen daher ein archaisches, sinnliches Imaginarium noch immer mit sich. Im Gegensatz zu verarbeiteten pflanzlichen Baumaterialien, die von Architektinnen und Architekten in gewissem Maß kontrollierbar sind, fordern vitale Pflanzen die Entwerfenden allerdings durch den ihnen innewohnenden Charakter der Veränderung heraus.

Architektur, die darauf aus ist, unsere Sinne zu aktivieren, ermöglicht uns direkte, physische Erfahrungen von Räumlichkeit und Plastizität, von Licht und Farben, von Oberflächen und Gerüchen und erhöht auf diese Weise unsere atmosphärische Raumkompetenz. Jenseits von naiver Sentimentalität oder effekthascherischer Romantik zielt Hortitecture auf ein modernes, architektonisches Denken, das Pflanzen aus ihrem konventionell als „natürlich“ verstandenen Kontext in solche ganzheitlich konzipierten, räumlichen Zusammenhänge versetzt.

Hortitecture lässt sich grob in drei Forschungsfelder unterteilen: Architektur, die mit Pflanzen arbeitet, Architektur die aus vitalem pflanzlichem Material geschaffen wird, und Architektur, die für Pflanzen entworfen wird.

1. Entwerfen mit Pflanzen versucht eine für den Menschen psychophysisch wohltuende Umgebung herzustellen, in der gebaute und natürliche Anteile in der Balance sind. Zum Beispiel geben lebende, grüne Oberflächen (Pflanzen als integraler Bestandteil der Fassaden) einem hochverdichteten Wohnviertel eine höhere Lebensqualität. Sie absorbieren Staub, Kohlendioxid, Sonnenhitze und Lärm und wirken sich dadurch auch im städtischen Maßstab positiv aus.
2. Entwerfen aus Pflanzen geht zunächst von dem Gedanken aus, dass das industrialisierte Bauwesen eine zu große Umweltbelastung darstellt. Architektinnen und Architekten entdecken seit einigen Jahrzehnten verstärkt das praktische Wissen vernakulären Bauens, um die Nachhaltigkeit und ästhetische Potenz organischen Materials zu verstehen. Wie beim Reetdach, das von einer zweiten Schicht lebenden Mooses überdeckt und zusammengehalten wird, verwischen sich hier oft die Grenzen zwischen totem und vitalem Material. Einige Experimente zielen darauf ab, Gebäude ganz aus wachsenden Pflanzen zu konstruieren.
3. Architektur für Pflanzen adressiert die zunehmende Industrialisierung und Digitalisierung der Landwirtschaft und den daraus entwickelten foodfactories. Zugleich steigt die Nachfrage nach ökologisch angebauten Nahrungsmitteln, und in diesem Zusammenhang entsteht eine neue Generation von Treibhäusern inmitten der Städte, sei es in Zwischenräumen, auf Hausdächern o.ä., die über ihre produktive Funktion hinaus auch Architektur für Menschen sein sollten.

Diese drei grundlegenden Aspekte des Entwerfens mit, aus und für lebende Pflanzen werfen für Theorie und Praxis der Architektur viele weitere Fragen auf, die das Forschungsprojekt Hortitecture des IDAS adressiert. Denn mehrere zentrale Disziplinen müssen für dieses Thema gebündelt werden, das im derzeitigen Baugeschehen weltweit an Relevanz gewinnt, wenn auch zu häufig auf eine banale, additive Weise, die das in ihm liegende Potential nicht nutzt. Es gilt die Schnittstellen zwischen architektonischer, biologischer und technologischer Praxis zu untersuchen und das gewonnene Wissen in das Entwerfen von Gebäuden zu übertragen, und von hier aus in den größeren städtischen Zusammenhang, um zu einer lebenswerteren, nachhaltigen urbanen Lebenswelt zu kommen.

Kontext

Hortitecture ist ein Forschungsprojekt am IDAS, das seit 2014 bearbeitet wird.

Am 15.11.2017 findet das Dritte Internationale Symposium zu Hortitecture an der TU Braunschweig statt.

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