Material, Magie

von Martin Peschken
Redaktion: Arne Herbote
01.11.2017

„Die Materie muß wieder vergöttlicht werden. Die Stoffe sind geradezu mystische Substanzen. Wir müssen tief und ehrfürchtig staunen, daß etwas Ähnliches überhaupt geschaffen wurde“, schreibt Adolf Loos 1924. Zu einer Zeit also, als die synthetischen Stoffe Glas, Beton, Mineralputz gerade in einer puristischen Inszenierung ihrer Künstlichkeit zum Werkstoff avancierten, der nahezu gleichbedeutend wurde mit der architektonischen Moderne. Loos meinte aber mit den mystischen Substanzen die natürlichen, also nur be- und nicht verarbeiteten Werkstoffe. Indem er schreibt, man müsse sie wieder vergöttlichen, scheint er der/dem Lesenden anzudeuten, dass ihm bewusst ist, wie sehr dieser Gedanke in der Tradition romantischer Naturverklärung wurzelt.

Mystisch oder magisch – mit solchen Adjektiven wurde schon in der Romantik „die Natur“ belegt, nicht unbedingt im Sinne eines Heilsversprechens, das in der Natur läge, sondern erst einmal als Präsenz eines großen Anderen, das dem Aufbau einer restlos rationalen Welt entgegen steht. Allerdings ist auch der Einsatz synthetischer Werkstoffe in der Architektur der 1920er Jahre keineswegs nur rational begründet, sondern seinerseits magisch aufgeladen: eben als Kennzeichen einer utopischen, in der Vernunft gründenden Einbildungskraft, die mit Hilfe von Technologie eine zum Besseren aufgerüstete Lebenswelt der Zukunft projektiert.

Im Hinblick auf das Material sind damit zwei Wurzeln in der Genealogie der Moderne benannt: einerseits eine Archaik, die der modernen Erfahrung von Kontingenz, Entfremdung und permanenter Beschleunigung die Konsistenz, Unreduzierbarkeit und Beständigkeit natürlicher Materialien entgegensetzt. Andererseits eine inszenierte Künstlichkeit, ein Technizismus, der den Homo Faber als Demiurgen seiner eigenen Welt feiert. Zwischen diesen Polen eröffnet sich ein großer Spielraum für Gestaltungen, in denen eine ambivalente Weltbeziehung zum Ausdruck kommt – etwa wenn Le Corbusier das synthetische Material zum beton brut archaisiert.

In der reflexiven Moderne sind diese Haltungen gegenüber dem Material und dessen Artefakt-Status häufig thematisiert. Verarbeitete Künstlichkeit und bearbeitete Natürlichkeit werden kontrastiert und kombiniert, und nicht immer kann dabei ideologische Verwirrung ganz vermieden werden. Peter Zumthor etwa nimmt sich 1988 den Materialeinsatz von Joseph Beuys zum Vorbild, der „das eigentliche Wesen dieser Materialien, das bar jeglicher kulturell vermittelten Bedeutung ist, freizulegen“ scheint. Nur um gleich darauf festzustellen, dass es notwendig sei, im architektonischen „Objekt selbst einen entsprechenden Form- und Sinnzusammenhang zu generieren“, um poetische Qualitäten hervorzubringen, „denn Materialien an sich sind nicht poetisch.“ Ein eigentliches Wesen ursprünglich – also nicht kulturell vermittelt – poetisch freizulegen, kann freilich nur einem wieder vergöttlichten Architekten gelingen.

Der Essenzialismus des Materials ist gegenwärtig allerdings ebenso fragwürdig geworden wie ein bloß technologisch bestimmter Fortschrittsglaube. Das bezeugt die Entgrenzung des Materialbegriffs, wenn wir es einerseits etwa mit intelligenten und andererseits mit lebendigen Werkstoffen zu tun haben. Diese Entgrenzung betrifft auch das Verhältnis von Material und Bearbeitungsweisen, wenn beispielsweise ein so archaischer Werkstoff wie Lehm als Printmaterial von 3-D-Druckern benutzt wird. Smart Materials, Hortitecture und 3-D-Druck sind unterschiedlich motiviert, vor allem bauphysikalisch, ökologisch und politisch. Aber gibt es für sie schon ein ästhetisches Vokabular?

Eine aktuelle Magie der Werkstoffe – so der Titel einer Daidalos-Ausgabe von 1995 – könnte zum Ziel haben, die architektonische Qualität der neuen Werkstoffe und ihrer Beziehung zu den alten, natürlichen und synthetischen, herauszuarbeiten und dabei endlich die pure Euphorie des Entdeckens zu durchbrechen. Also im Schwelgen zugleich Arbeit an den Mythen der Gegenwart zu leisten. Dafür gilt es, sich der Welthaltungen und Weltaneignungen bewusst zu werden, die sich in der Wahl, der Bearbeitung und der Inszenierung des Materials architektonisch artikulieren.

Weiterlesen

Bandmann, Günther: Bemerkungen zu einer Ikonologie des Materials, in: Städel-Jahrbuch, N. F. 2, 1969, S. 75-100.

Daidalos Nr. 56: Magie der Werkstoffe. Magic of Materials, 1995.

Kretzer, Manuel: The Ever-Changing Nature of Materiality and the Meaning of Materials in Architecture and Construction, in: ders.: Information Materials. Smart Materials for Adaptive Architecture, Zürich 2017, S. 25-65.

Loos, Adolf: Von der Sparsamkeit (1924), in: ders.: Die Potemkin’sche Stadt. Verschollene Schriften 1897-1933, Wien 1983, S. 204-216.

Zumthor, Peter: Eine Anschauung der Dinge (1988), in: ders.: Architektur denken. Baden 1998, S. 8-26.

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