Material, Ethik

von Christian v. Wissel
Redaktion: Martin Peschken
01.11.2017

Man kann sich darüber streiten, ob Materialien und Dinge eigene Handlungsmacht haben oder durch den Menschen lediglich mit einer solchen ausgestattet werden. Was erstere als Assemblage Thinking oder auch New Materialism feiern, kritisieren letztere als Verlust des Politischen. Einigkeit aber herrscht bei der Annahme, dass alle Dinge eine spezifische Geschichte haben, eine Biographie. Von dieser Lebensgeschichte erzählen sie uns. So auch die Bauteile, aus denen wir Architektur schaffen.

Geschichten von Materialien und Bauteilen können je nach Blickwinkel als ökonomische Produktionsketten, als technische Entwicklungspfade oder als ökologische und soziale Verwicklungen aufzeigende Lebensreisen beschrieben werden. Rohstoffe werden gefördert und veredelt, Rezepturen verbessert, Zuschlagstoffe ausgetauscht und ganze Industriezweige ins Ausland verlagert – oder durch die Androhung von Schutzzöllen wieder ins Land geholt. Dabei werden im Idealfall Verbraucherschutz und Umweltverträglichkeit verbessert, mindestens aber die Herstellungskosten gedrückt und gerne auch unliebsame Konkurrenten aus der Bahn geworfen. Im Ergebnis üben derartige Ketten, Pfade und Reisen von Materialien und Bauteilen direkten Einfluss aus auf die Leben und Landschaften aller an ihnen beteiligten Personen und Orte. Davon handeln Material- und Bauteilgeschichten.

In ihren Erzählungen wird ein jegliches Gebäude über seine Bauteile und verwendeten Materialien in den Kontext seiner Weltbeziehungen gesetzt. In Entwurf und Planung wird es dadurch schwieriger, sich für die eine oder andere Ausführung zu entscheiden. Der Gewinn aber liegt in der Möglichkeit, anhand der kritischen Reflexion „der ganzen Geschichte(n)“ unserer Gebäude den Weg zu einer zukunftsfähigeren Architektur zu beschreiten.

Soll die Wand in Kalksandstein oder Beton, die Treppe in Holz oder Stahl ausgeführt werden? Nicht nur Ästhetik, Statik und Raumklima, auch die ökologische und soziale Nachhaltigkeit auf dem langen Weg von der Rohstoffgewinnung bis zur Mülldeponie oder dem Recyclinghof wollen bedacht sein, um verantwortungsbewusste Entscheidungen zu treffen. Wie gut, dass es da Zertifizierungsstandards gibt, wie sie die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) formuliert. Mithilfe dieser Kriterien kann man spielend leicht alle Einflussfaktoren in handliche Zahlenwerte übersetzen und miteinander verrechnen. Oder etwa nicht? Geht uns da nicht etwas Entscheidendes verloren? Ist die Rechnung nicht sogar eklatant falsch, weil sie Äpfel mit Birnen gleichsetzt? Wie zum Beispiel kann ich das Schicksal eines Familienbetriebs in der Kalksandsteinindustrie aufwiegen gegen den (wenn auch in diesem Beispiel vergleichbar geringen) CO2-Ausstoß bei der Herstellung ihres Produkts? Und wie „verrechne“ ich das Leben eines Stahlbauers in Deutschland mit dem eines Stahlbauers in China oder Brasilien? (Und aus Anlass der Politik eines wahnsinnigen Wirtschaftstycoons im Gewand eines Präsidenten:) Ist es gerecht, mexikanische Arbeiter in den Ruin zu treiben um US-amerikanische davor zu bewahren? Noch dazu, wenn erstere zuvor die Kaufkraft letzterer subventioniert haben, indem sie zu Dumpinglöhnen und ohne soziale Absicherungen beschäftigt wurden, um immer billiger und immer mehr und mehr und mehr Waren auf den US-amerikanischen Markt zu bringen?

Denn auch davon handeln Material- und Bauteilgeschichten: von globaler Gerechtigkeit und den Versuchen, diese zu erlangen. Wenn die am Bau mitwirkenden Personen und Orte in den Blick gerückt werden, dann heißt das nach weltweiten und weltweit unterschiedlich bewerteten Arbeitsbedingungen zu fragen und auf die Diskrepanz zu verweisen, die zwischen dem Schutz lebensfreundlicher Umwelten hier und deren Verwüstung anderenorts herrscht. Im Visier stehen somit sozial und räumlich ungleiche Entwicklungen und die mit ihnen einhergehenden Verteilungskämpfe um die endlichen Ressourcen unseres Planeten. Architekten und Architektinnen sollten sich da nichts vormachen. Auch sie wirken mit ihren Entscheidungen auf diese Weltverhältnisse ein.

Unter dem Strich also sind Material- und Bauteilgeschichten Geschichten von der Suche nach einem guten Leben, nach einem guten Leben für alle. Wofür wollen wir unsere Häuser verbessern, wofür immer neue Häuser bauen, wenn nicht um gut in ihnen zu leben? Ist es da nicht ein Gebot der Menschlichkeit – und eben nicht der neoliberalen, quantifizierenden Marktlogik –, auch denen ein gutes Leben zu ermöglichen, die die Fertigung unserer Häuser oder die Produktion ihrer Materialien und Bauteile vollbringen?

Der erste Schritt dahin ist, gemeinsam um ein gutes Leben durch gute Häuser zu streiten – nur so können wir einen gemeinsamen, demokratisch legitimierten Weg beschreiten. Dafür bedarf es der Bereitschaft, aber auch des Ortes, einander zuzuhören. Architektur ist so ein Ort: kein Haus, an dem nicht die ganze Welt mitgebaut hätte, für das nicht die ganze Welt mitbezahlt! Kein Haus also auch, anhand dessen Material- und Bauteilbiographien wir uns nicht über den Zustand der Welt unterhalten können und müssen.

Kontext

Seminar Materialgeschichten (Institut gtas, TU Braunschweig, WiSe 16/17), Christian v. Wissel.

Weiterlesen

Fatheuer, Thomas: Buen Vivir. Recht auf gutes Leben, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Ökologie 17, Berlin 2011.

Knowles, Caroline: Flip-Flop. A Journey Through Globalisation’s Backroads (Anthropology, Culture and Society), London / New York 2014.

Leonard, Annie: The Story of Stuff. How Our Obsession with Stuff Is Trashing the Planet, Our Communities, and Our Health – and a Vision for Change, New York 2010.

Moreno, Camila, Daniel Speich Chassé und Lili Fuhr: CO2 als Maß aller Dinge: Die unheimliche Macht der Zahlen in der globalen Umweltpolitik, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Ökologie 42, Berlin 2016.

Sommer, Bernd und Harald Welzer: Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne (Transformationen, 1), München 2014.

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