Material, displaced

von Gustav Düsing
Redaktion: Martin Peschken
01.11.2017

Wenn in Dubai ein Hochhaus aus dem Wüstensand wächst, wird eine Malediven-Insel kleiner. Und zwar nicht erst durch den Anstieg des Meeresspiegels infolge der allgemeinen Aufheizung der Atmosphäre: Der hier vorkommende Sand hat die perfekten Eigenschaften für die Herstellung von Beton. Würde man das Hochhaus auf den Malediven bauen, würde die Insel trotzdem kleiner, wenn wiederum auch deutlich >0 m.ü.NN.

Das zugegeben polemische Beispiel illustriert einerseits, wie global vernetzt der Handel mit Baumaterialien und damit schon auf dieser Ebene das Baugeschehen überhaupt ist. Andererseits lenkt es den Blick auf ein Skulptieren der Erdoberfläche, das beständiger Nebeneffekt in der Realisierung von Architektur ist: Material wird aus der Erdkruste entnommen und ihr woanders in Form architektonischer Hohlformen wieder aufgesetzt. Dieser Vorgang ist so alt wie das Bauen selbst, und auch in früheren Epochen wurden Materialien wie Marmor aus Carrara und Paros aus Gründen des Prestiges unter erheblichem Aufwand weit verschleppt und verbaut. Erst die ständige Verfügbarkeit von Materialien auf einem globalen Markt macht den Ort in ortspezifisch zum Globus. Seine phänotypische Identität hat der größte Teil des Baumaterials in der Moderne ohnehin verloren, seitdem es zum Bestandteil synthetischer Baustoffe zermahlen wird.

Die ökologischen und ethischen Konsequenzen dieses gesteigerten displacements von Material sind in ihren Grundzügen längst bekannt, wenngleich sie auch gegenüber ökonomischen Entscheidungen nach wie vor zumeist verdrängt werden. Für Architektinnen und Architekten ist es eine entscheidende Frage, wie die gerade skizzierten, unbedachten bis unwillkommenen Nebeneffekte des Bauens nachhaltig und gerade auch im Hinblick auf die Gestaltung progressiv genutzt, nämlich ästhetisch erfahrbar gemacht werden können.

Aus der Sicht von Geologen und Klimaforschern ist mit dem Anthropozän, dem Zeitalter, in dem der Mensch ein ernstzunehmender geologischer Faktor auf der Erde geworden ist, die Unterscheidung von zivilisationsbedingt und natürlich überholt. Für die Gestalter menschlicher Lebenswelten ergibt sich dadurch eine Ausweitung des Horizontes auf den Globus, mit anderen Worten: Architekturschaffende werden sich bewusst, ein geologischer Faktor zu sein. Nicht nur der Bau hat jetzt Präsenz, sondern auch die Orte der Entnahme seiner Materialien. Nicht nur die Summe des Gebauten ist als Ergebnis der Gestaltung veränderte Erdoberfläche, sondern auch die Formationen, die es hinterlässt, landschaftlich-ästhetischer wie soziokultureller Art.

Diese Überlegung war der Ausgangspunkt des experimentellen Entwurfs Macro Metamorphism. Der Titel setzt sich zusammen aus dem Wort Macro, ein in der Programmiersprache verwendeter Begriff, der im weitesten Sinne für die Ausführung einer Kette von Befehlen steht, und Metamorphose, was in der Geologie die Veränderung mineralischer Strukturen durch äußere Faktoren wie Druck oder Hitze bezeichnet. Macro Metamorphism beschreibt also die Veränderung von Material und Umwelt durch menschengemachte Regeln. Die Stadt als Produkt von menschengemachter Geologie steht nicht bloß metaphorisch, sondern in direktem Zusammenhang mit der „natürlichen“ Geologie, aus der sie erschaffen wurde. Zu welchen Ergebnissen würde also eine Verbindung zwischen diesen beiden Transformationsprozessen der Erdoberfläche führen?

Die Fallstudien der Studierenden deuten die mögliche Bandbreite der Antworten auf diese Frage an und beweisen, dass die Auseinandersetzung mit der Architektur als geologischem Faktor ein relevantes gegenwärtiges und künftiges Thema ist. Selbstverständlich kann es darum gehen, die spezifischen Grade zwischen natürlicher Formation und anthropogener Struktur im landschaftlichen und architektonischen Entwurf formal und strukturell umzusetzen und dadurch dem Stadtbewohner erfahrbar zu machen, der von der quasi-geologischen Entstehung seiner Lebenswelt kein Bewusstsein hat.

Uran-Testgelände Ellweiler Rheinland-Pfalz, Schnitt, Nicole Köhler, 2017

Es kann aber auch bedeuten, eine Architektur zu erschaffen, die sich der Verantwortung des Verschwindens von „natürlichen“ Räumen stellt und eine neue Art von Umwelt gestaltet, die räumlich-atmosphärisch ähnliche Qualitäten bietet und so Mensch und Natur in ein ganzheitliches Gleichgewicht setzt.

Am Beispiel des Bauens im Gaza-Streifen wird dagegen der Zusammenhang zwischen restriktiver Politik und Ressourcenknappheit zur alles bestimmenden Bedingung.

Gazeology, Isometrie, Dian Luo, 2017

Was passiert, wenn eine Region vom global-vernetzen Materialhandel abgeschlossen wird und sich eine ganze Stadt nur von dem Material speist, das aus Ruinen gewonnen wurde?

Gazeology, Schnitt, Dian Luo 2017

Die architektonischen Konsequenzen sind Teil einer „Oberflächengeologie“, in der Ökonomisches und Soziales unlösbar miteinander verzahnt sind, und die auch wahrnehmbar, also im Sinne des Stadtbildes ablesbar wird. Dieser Sonderfall macht anschaulich, welches Potential für Entwerferinnen und Entwerfer darin bestehen kann, einen thematischen, konzeptionellen Zusammenhang der macro-metamorphotischen Abläufe herzustellen. Immer bedarf es dabei aber einer tiefergehenden Betrachtung der geologischen, global-politischen Identität dieser Materialen.

Kontext

Entwurf Macro Metamorphism (Institut IAD, TU Braunschweig, SoSe 17), Prof. Volker Staab, Gustav Düsing und Raoul Kunz.

Weiterlesen

Baichwal, Jennifer: Manufactured Landscapes (Dokumentar-Film), Kanada 2006.

Buckminster Fuller, Richard: Operating Manual for Spaceship Earth, Carbondale 1968.

Delestrac, Denis: Sand Wars (Dokumentar-Film), Kanada/Frankreich 2013.

Hight, Christopher: Architectural Principles in the Age of Cybernetics, Abingdon 2008.

Morton, Timothy: Hyperobjects. Philosophy and Ecology after the End of the World, Minneapolis 2013.

Turpin, Etienne (Hg.): Architecture in the Anthropocene: Encounters Among Design, Deep Time, Science and Philosophy, Ann Arbor 2013.

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