Lehm, Image

von Joschua Gosslar
Redaktion: Martin Peschken
01.11.2017

Derzeit entstehen erstaunliche Materialien, die Möglichkeiten scheinen grenzenlos: „Intelligente“ Werkstoffe, deren chemische Struktur je nach Bedarf verändert und angepasst wird. Wir haben erkannt, dass die Baubranche einen erheblichen Anteil der globalen CO2-Emission verursacht und suchen nach nachhaltigen Lösungen durch technologischen Fortschritt. Dabei entstehen Gläser, die auf Knopfdruck von transparent auf matt schalten, Stähle, die sich selbst reparieren und Kunststoffe, die sich nach der Sonne ausrichten. In diese Reihe will der Lehm, ein Material, dessen Eigenschaften das Resultat seiner zwar variablen, aber in der Natur schon so vorkommenden Zusammensetzung ist, so gar nicht passen. Lehm ist derart lowtech, und nicht nur eines der ältesten Baumaterialien, sondern schon in der Bibel der Formstoff des Ur-Designers, dass ihm ein sehr konträres Image anhaftet: nämlich einerseits überholt und unzeitgemäß zu sein und andererseits gerade seiner Archaik wegen geschätzt zu werden.

Die Geschichte des Lehmbaus zeigt, dass seine in allen Erdteilen nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit ihn zwar zum Material der Wahl macht. Dass aber der Einsatz von selteneren oder schwieriger zu bearbeitenden Materialien in vielen Kulturen auch genutzt wurde, um symbolische und soziale Unterschiede auszudrücken. Besonders deutlich wird das, wenn in Katastrophensituationen, ökonomischen Krisen oder Kriegen auf den Lehm zurückgegriffen wird, weil scheinbar keine andere Wahl besteht. In Deutschland beispielsweise entstanden nach dem ersten Weltkrieg zwischen 1919 und 1922 eine Vielzahl an Gebäuden und ganze Siedlungen in Lehmbauweise. Dass es sich dabei nur um einen Behelf handelt, veranschaulicht noch der Kommentar des damaligen Reichsarbeitsministers zur neu erlassenen Lehmbauordnung gegen Ende des Zweiten Weltkrieges:

„Zum Ausgleich der entstandenen Gebäudeverluste ist der restlose Einsatz aller verfügbaren Baustoffe geboten. Es muss daher auf Lehm zurückgegriffen werden, der bei richtiger Anwendung durchaus geeignet ist. Er kann zudem besser als jede andere Bauart unter Mitwirkung der Bevölkerung in Selbst- und Gemeinschaftshilfe ausgeführt werden und wirkt sich daher arbeitsmäßig aus.“1

In diesem Kommentar ist allerdings auch ein wichtiger Vorzug genannt, nämlich die einfache Anwendbarkeit der Lehmbautechniken, die es einem großen Teil der Bevölkerung erlaubt, ohne handwerkliches Spezialwissen am Bauprozess teilzunehmen. Dieses Argument für den Lehm spielt in Deutschland aktuell wohl nur eine untergeordnete Rolle, da partizipatorische Bauprozesse noch seltener als partizipatorische Bauvorhaben sind. In anderen Erdteilen hingegen ist die Möglichkeit der Mitwirkung am arbeitskraftintensiven, aber materialgünstigen Bauen mit Lehm eine Chance, auf eigene Ressourcen zurückzugreifen, und keine zu großen finanziellen Risiken eingehen zu müssen. In unseren Breitengraden stellt sich dagegen die Frage, ob eine großflächige Anwendung des Lehmbaus realistisch, und vor allem gewollt ist.

Wie skizziert, sind die traditionellen Assoziationen mit dem Material nicht unbedingt positiv. Immer noch prägen Bilder von Armut und Krieg das Image des Lehms, anstatt Ästhetik und Nachhaltigkeit. Die Referenzen des modernen Lehmbaus, in vielen Fällen öffentliche Gebäude, zeigen oft noch eine dritte Seite: Ohne auf bauphysikalischen oder ökologischen Vorteilen herumzureiten, zeigen sie die reine Einfachheit des Materials, Schicht für Schicht ablesbar in einer gestampften Wand, oder glatt und homogen in mit Lehm verputzten Oberflächen. Die ästhetische Wirkung des „Arme-Leute-Materials“ wird zur Schau gestellt.

Auf der einen Seite haben wir also Lehm als billiges Ersatzmaterial, auf der anderen Lehm als „High-Class-Material“, als ästhetisches Mittel für aufwändige Bauprojekte. Die Gebäude sind in diesem Fall betont natürlich, betont archaisch, betont massiv. Die erheblichen, durch die hohe Arbeitsintensität verursachten Mehrkosten werden in Kauf genommen, – und so wird im Kontext der hochindustrialisierten Baukultur Lehm plötzlich zu einem exklusiven Material.

Doch was passiert in dem Bereich dazwischen, in dem oftmals die ökonomische Frage noch vor der ästhetischen oder ökologischen Frage gestellt wird? Die Entscheidung für oder gegen einen alternativen Bauprozess ist direkt abhängig von der Bereitschaft, teilweise erheblichen Mehraufwand und somit Mehrkosten zu tragen, weshalb sich Lehm ohne weiteres in diesem Bereich nur schwer behaupten wird. Deshalb braucht es jenes technologischen Fortschritts, der gerade intensiver denn je auf dem Gebiet innovativer Materialien für die Baubranche vorangetrieben wird, gerade auch im Lehmbau. Seiner ökologischen Vorteile und ästhetischen Möglichkeiten wegen sollte Lehm ein Teil des heutigen Innovationsprozesses sein und die Techniken zu seiner Verarbeitung und Zusammensetzung neu gedacht werden. In seiner traditionellen Verarbeitung, wie sie grundsätzlich heute noch zum Beispiel im Stampflehmbau angewendet wird, wird Lehm immer ein Nischenmaterial für engagierte- oder teure Bauprojekte bleiben. Wenn man das Jahrtausende alte Baumaterial aber in den technologischen Fortschritt einreiht, besteht die Chance auf eine breitere Anwendbarkeit.

Dass auf diesem Gebiet schon einiges passiert, zeigen aktuelle Projekte wie das Ricola Kräuterzentrum von Herzog & De Meuron und die Projekte von Lehm Ton Erde, in dem Stampflehmelemente für die Außenhülle des Gebäudes vorfabriziert, und auf der Baustelle zusammengefügt wurden. Außerdem wird diese Forschung durch universitäre Forschungsprojekte weitergetrieben, die sich mit der technologischen Innovation des Lehms beschäftigen und diese zu einem Teil der Architektenausbildung machen, zum Beispiel am Institut für Tragwerksentwurf (Lehrstuhl Prof. Dr.-Ing. Harald Kloft) der TU Braunschweig, wo Strategien der Verwendung von Lehm im Bereich des 3D-Drucks und der robotischen Verarbeitung entwickelt werden.

Es sind genau diese Ansätze, die dem Material zu einem völlig neuen Image verhelfen können. Durch die Integration des Lehms in die Ausbildung junger Architekten wird ein Bewusstsein und damit die Grundlage für zukünftige Lehmbau-Projekte geschaffen. Denn eine grundsätzliche Veränderung des Images ist am Ende auch davon abhängig, inwieweit Referenzen, gebaute Argumente für die Verwendung von Lehm geschaffen werden und überzeugen können.

1. Dierks, Klaus und Ziegert, Christof: Zur Geschichte des Stampflehmbaus

Kontext

Dieser Text ist hervorgegangen aus einer Beschäftigung des Autors mit Lehm als Baumaterial, die über mehrere Semester reicht: begonnen im Wintersemester 2015/16 in einem Entwurfsseminar bei Prof. Pandakovic an der Politecnico di Milano, über eine Freie Hausarbeit „Architektur & Erde“ am Institut gtas im Wintersemester 2016/17 und dem Seminar Earth Construction am Institut für Tragwerksentwurf, betreut von Hendrik Lindemann und Joscha Ott im Sommersemester 2017.

Weiterlesen

Dethier, Jean: Lehmarchitektur. Die Zukunft einer vergessenen Bautradition, München 1982.

Illich, Ivan: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik, Reinbek bei Hamburg 1975.

Rauch, Martin: Gebaute Erde. Gestalten und konstruieren mit Stampflehm, Berlin 2015.

Boltshauser, Roger; Rauch, Martin: Haus Rauch. Ein Modell moderner Lehmarchitektur, Basel 2011.

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