Leerstand, besetzt

von Mascha Prohl
Redaktion: Niloufar Tajeri
15.06.2018

Aktuell gibt es in Berlin und anderen deutschen Großstädten eine große Wohnungsknappheit. Es stellt sich die Frage, inwiefern ein Zusammenhang zwischen diesem Defizit und dem aktuellen Wohnungsleerstand besteht. Gerade für angehende Architektinnen und Architekten ist dies ein spannendes sowie komplexes Thema, denn es bietet die Chance, das Selbstverständnis der Profession im Bereich Architektur zu reflektieren, womöglich auch neu zu positionieren.

Insbesondere im Bereich des sozialen Wohnraums herrschen große Defizite. Andrej Holm zeigt in seiner Studie „Soziale Wohnraumversorgungsbedarfe in Berlin“ (im Auftrag der Fraktion Die Linke im Abgeordnetenhaus von Berlin, Berlin 2016), dass es im Jahr 2014 für die 650.000 Berliner Haushalte, die weniger als 80% des Durchschnittseinkommens verdienen, eine Versorgungslücke von 130.000 Wohnungen gab. Die Verfassung des Landes Berlin legt fest, dass jede Person Recht auf Wohnraum hat. In Artikel 28 Absatz 1 heißt es:

„Jeder Mensch hat das Recht auf angemessenen Wohnraum. Das Land fördert die Schaffung und Erhaltung von angemessenem Wohnraum, insbesondere für Menschen mit geringem Einkommen, sowie die Bildung von Wohnungseigentum.“

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist ein Zuwachs der in Städten lebenden Bevölkerung sowohl weltweit als auch in Deutschland zu beobachten. So lebten 1950 etwa 68% der deutschen Bevölkerung in Städten und 2015 waren es schon 75%. In Deutschland ist der Wohnungsmarkt heutzutage, gerade in Großstädten wie Berlin oder München, sehr angespannt. Die Bevölkerung von Berlin ist beispielsweise in den vergangenen fünfzig Jahren um knapp 400.000 Einwohner gestiegen. Begriffe, die die negativen Folgen dieser Entwicklung für die Stadtbevölkerung erfassen, wie Gentrifizierung, Verdrängung, Wohnraummangel und Mietsteigerung sind in aller Munde. Der Mangel ist allerdings nicht ausschließlich auf Wohnungsknappheit zurückzuführen. Es gibt Leerstand und auch durch Zweckentfremdung, wie zum Beispiel gewerbliche Vermietungen über Internetplattformen wie „Airbnb“, geht viel potenzieller Wohnraum verloren. Zur Anzahl leerstehender Häuser und Wohnungen kursieren unterschiedliche Schätzungen, da Kriterien für Leerstand schwer zu erfassen sind und es Grauzonen gibt. Offizielle Zahlen über leer stehende Wohnungen in Berlin gibt es zum Beispiel aktuell nicht. Experten von Empirica und auch der Berliner Mietverein schätzen den jetzigen Leerstand allerdings auf ca. 18.000 Wohnungen. Nach ihren Einschätzungen sind dies Zahlen, die üblich und auch notwendig für die Fluktuation seien. Darüber hinaus gehen sie davon aus, dass nicht die Behebung von Leerstand, sondern Neubau das Kernproblem lösen wird. Unabhängig davon existiert zur Erfassung von Leerstand ein Leerstandsmelder, auf der Nutzerinnen und Nutzer Leerstand melden und kartieren können. Diese Website bietet zwar keine belastbaren Zahlen, zeigt aber deutlich, dass die Bevölkerung sich zunehmend mit dem Thema beschäftigt und Leerstand als Problem wahrnimmt. Denn viele der leerstehenden Häuser und Grundstücke werden als Spekulationsobjekte genutzt: Aufgrund der rasant steigenden Bodenpreise sind leerstehende Objekte und Grundstücke potentiell profitabler als bewohnte. Grundsätzlich hat jeder Mensch ein Recht auf Wohnen. Wie kann es also sein, dass dieses Recht nicht immer erfüllt wird, viele Menschen eine Wohnung suchen, aber keinen bezahlbaren Wohnraum finden?

All dies sind Aspekte, die Menschen in den 1970er und 1980er Jahren bewogen haben, Häuser zu besetzen. Zunächst scheint es, als würden heute, trotz des vielen Leerstandes, kaum noch Häuser besetzt. Aktuelle Geschehnisse in Berlin zeigen jedoch, dass Hausbesetzung durchaus ein gegenwärtiges Thema ist. Um gegen knappen und zu teuren Wohnraum zu protestieren, wurden in Berlin mehrere leerstehende Häuser besetzt. Unter dem Hashtag #besetzen drangen Aktivisten am 20. Mai 2018 u.a. in Häuser in Neukölln und Kreuzberg ein. Die Aktion löste eine große politische Debatte, sowohl über den Wohnraummangel, als auch über die Legitimität von Hausbesetzungen, aus. Von politischer Seite erhielten die Besetzer viel Zuspruch. Die Sprecherin der Grünen, Katrin Schmidberger, äußerte sich beispielsweise so, dass bei spekulativem Leerstand Hausbesetzungen zukünftig geduldet werden sollten, statt Wohnraum verfallen zu lassen. Nur bei der CDU und AfD stießen die Aktivisten auf klares Unverständnis.

Die Geschichte von Hausbesetzungen in Berlin geht bis in die frühen 1970er Jahre zurück. Im Juni 1981 kam es mit 165 Häusern, hauptsächlich im Stadtteil Kreuzberg, zum Höhepunkt der Hausbesetzungen. Wie heute hatten Hausbesetzungen meist einen politischen Hintergrund. Es sollte auf den Wohnungsleerstand aufmerksam gemacht werden und ein Statement für den Erhalt der Gebäude und die Mieterschaft gesetzt werden. Aber auch gegen den Neubau moderner Wohnsiedlungen, der damit verbundenen Zerstörung gewachsener Nachbarschaftsstrukturen, Mietsteigerungen und Verdrängungen der Bewohnerinnen und Bewohner wurde demonstriert. Ein großer Unterschied von damals zu heute ist allerdings, dass die Besetzerinnen und Besetzer in der Vergangenheit oftmals jahrelang in den von ihnen besetzten Häusern wohnten. Im aktuellen Fall handelt es sich größtenteils um sogenannte „Scheinbesetzungen“, die von der Polizei wieder umgehend geräumt wurden. Denn in Deutschland hat der Eigentümer immer das Recht, sein Gebäude räumen zu lassen.

Allerdings scheint sich der Modus der Hausbesetzung als politisches Instrument verändert zu haben: statt dauerhaft in leerstehende Wohnungen zu ziehen, wodurch sozusagen die privaten Interessen der Besetzenden in Konflikt mit den Privatinteressen der Eigentümerinnen und Eigentümer geraten und dabei gewalttätige Auseinandersetzungen herausfordern, setzen heutige stadtpolitische Initiativen auf politische Arbeit und Verhandlung. In diesem Rahmen funktioniert das Thema „Besetzung“ als öffentlichkeitswirksame Aktion. Im Vordergrund steht jetzt also die Vermittlung der eigenen stadtpolitischen Forderungen und die Kommunikation zwischen den verschiedenen Parteien, also Politik, Eigentümerinnen und Eigentümern sowie Mieterinnen und Mietern. Ein Beispiel für einen solchen Zusammenschluss ist die Kreuzberger Initiative Kotti & Co.

Kotti & Co ist 2011 rund um das südliche Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg entstanden. Die Initiative beschreibt sich selbst als eine Mietergesellschaft, die sich zusammengefunden habe, um ihr Recht auf Stadt vor dem Hintergrund der Geschichte der Migration zu erkämpfen. Sie fordert die Rekommunalisierung der privatisierten Wohnbestände und protestieren gegen die Verdrängung von Mieterinnen und Mietern mit kleinem Einkommen aus der Innenstadt, gegen die hohen Mieten der Berliner Sozialwohnungen sowie gegen Rassismus. Teil der Strategie ist ein selbstgebautes Holzhaus „Gecekondu“ (türkisch für „über Nacht erbaut“), mit dem sie den Platz vor ihren Sozialwohnungen am südlichen Kottbusser Tor besetzen. Kotti & Co agiert auf verschiedenen Ebenen: zum einen organisieren sie Demonstrationen und Kundgebungen und zum anderen wird der direkte Dialog mit der Hausverwaltung und den zuständigen Politikerinnen und Politikern gesucht. Doch da viele Hausverwaltungen in privater Hand sind, sähe sich die Politik nicht in der Lage zu handeln und kümmere sich lieber um den Neubau von sozialem Wohnungsbau und die damit verbundenen Subventionen. Aufgrund der aktuellen, geringen Zahlen des Wohnungsneubaus lässt sich allerdings in Frage stellen, inwieweit die Politik mit dieser Einstellung das Problem lösen kann oder wird. Obwohl die Ziele von Kotti & Co sowie anderen Mieterinitiativen noch lange nicht erreicht sind, ist es wichtig, dass die Politik durch die Bevölkerung auf die bestehenden Probleme und den Engpass aufmerksam gemacht wird, denn nur so kann sich langfristig etwas an der Situation ändern.

Betrachtet man die Entwicklung von Hausbesetzungen, so kann Kotti & Co als eine weiterentwickelte Form der Hausbesetzung verstanden werden. Der große Unterschied ist, dass keine Häuser direkt besetzt werden und es bisher zu keinen gewalttätigen Ausschreitungen gekommen ist. Stattdessen wird ein öffentlicher Platz als Symbol besetzt. Dies bringt die gewünschte Aufmerksamkeit, um stadtpolitischen Forderungen Gehör zu verschaffen. Die Ziele sind klar definiert und es werden Wege vorgeschlagen diese umzusetzen. Ob und wie diese Initiative Erfolg in Bezug auf die Behebung des Missstandes haben wird, bleibt abzuwarten.

Um eine langfristige Lösung zu finden und somit ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist hier auch zwangsläufig die spatial agency von Architektinnen und Architekten gefragt. Wie lässt sich das Problem also lösen? Auf diese Frage gibt es wohl keine allgemeingültige Antwort. Für jede Stadt und jedes Viertel müssen eigens zugeschnittene Planungskonzepte entworfen werden, in denen sowohl auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner, die Interessen der Vermieterinnen und Vermieter, als auch Forderungen von Initiativen und sozialen Bewegungen sowie die allgemeine Stadtentwicklung eingegangen wird. Dies ist ein langjähriger Prozess, der nur durch enge Zusammenarbeit der verschieden Instanzen erfolgreich verlaufen kann und nicht ohne produktive Konflikte ausgehandelt werden kann. Die Rolle der Architektenschaft bleibt in diesem Prozess zu definieren – eine auf das Bauen begrenzte Disziplin jedoch scheint auf diese räumliche Problemstellung keine Lösung finden zu können.

Kontext
Dieser Text ist im Rahmen der Schreibwerkstatt Thesaurus Architektur im Wintersemester 2017/18 am Institut gtas entstanden.

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