Inklusion, Neufert

von Stefan Tuchen
Redaktion: Christian v. Wissel
15.11.2017

Inklusion ist ein weitgefächerter Begriff. Zum einen wird er mit der gesellschaftlichen Integration von Menschen mit Behinderung in Verbindung gebracht, insbesondere der Eingliederung von Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen in den allgemeinen Unterricht. Zum anderen wird er auf die soziokulturelle und politische Integration von Migrantinnen und Migranten bezogen. Der Philosoph Arnulf Müller kritisiert den Begriff demnach als „übersättigt“ und bemängelt eine Abschwächung durch zu häufigen Gebrauch. Laut §2 des Neunten Sozialgesetzbuchs lässt sich Behinderung über die „Beeinträchtigung der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“ definieren. Auch wenn der Text auf Menschen mit körperlicher oder psychischer Behinderung ausgelegt ist, können nach dieser Definition weitere Gesellschaftsgruppen, wie z.B. sozial Ausgegrenzte als beeinträchtigt gelten: Um an der heutigen Gesellschaft teilzuhaben ist viel Durchsetzungsvermögen, sowie physische und psychische Gesundheit erforderlich. Da dies aber nicht jedem Menschen gegeben ist, gibt es heutzutage immer noch Gruppen und Individuen, die zwar nicht rechtlich ausgeschlossen werden, in der Realität aber trotzdem nicht teilhaben bzw. -nehmen können. Solange solche Ausschluss- oder Exklusionsmechanismen existieren, bleibt ein Diskurs über die Inklusion wichtig. Auch für Arnulf Müller transportiert der Begriff wichtige Werte, nicht zuletzt weil sich durch die Diskussion eine gesellschaftliche Selbstreflexion ergibt.

Diese betrifft auch uns Architektinnen und Architekten. Arnulf Müller schreibt: „Ob er will oder nicht: Der Mensch muss den Grundriss seiner Existenz selbst entwerfen und verantworten.“ Der Satz lädt zum Nachdenken über Müllers Metapher ein, oder genauer über seine Bedeutung für den Bereich, aus dem die Metapher stammt: nämlich der Architektur in deren Kontext Grundrisse entworfen werden, in denen sich die Menschen so frei wie möglich entfalten können sollen. Architektinnen und Architekten gestalten mit, wie Menschen sich in ihrem Leben einzurichten vermögen. Je nach Entwurf können der Freiheit dabei auch Grenzen gesetzt werden. Man denke nur an Gefängnisse; Einschränkung von Freiheiten durch Architektur können aber auch in viel alltäglicheren Situationen geschehen, z.B. für Menschen mit Behinderungen durch falsch angebrachte oder gar fehlende Rampen. Ganz egal, ob es sich um den öffentlichen Raum oder eine Privatwohnung handelt, der entwerfende Architekt ist verantwortlich für die spätere Nutzbarkeit. Insbesondere bei öffentlichen Orten kann dies die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben stark behindern.

Für ihre Arbeit am Entwurf stehen den Gestaltenden Werke zur Verfügung, die dabei helfen sollen eine räumliche Logik aufzubauen und die richtigen Maße und Proportionen zu finden. Das bekannteste ist sicherlich die Bauentwurfslehre von Ernst Neufert, umgangssprachlich auch meist nur der Neufert genannt. 1936 erschienen, ist das Buch aktuell in der 41. Auflage erhältlich. Die Maße und Beispiele, die in diesem Buch enthalten sind, sind standardisiert und beziehen sich auf einen gewissen Durchschnittsmenschen. In Anbetracht des Inklusionsdiskurses stellt sich hier die Frage, inwiefern Architektur überhaupt inklusiv entworfen werden kann, wenn dem Entwurf Standards zu Grunde liegen, die von einem „normalen Menschen“ ausgehen.

Zeichnung aus der Bauentwurfslehre von Ernst Neufert, 2009, S.41.

Besonders bei größeren Projekten mit Öffentlichkeitscharakter wie Einkaufszentren, Flughäfen, Bahnhöfen oder Veranstaltungshallen stellt sich das Problem, dass die zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer nicht konkret bekannt, sondern nur als Personenkreise antizipiert werden können. Dennoch wäre es für Architektinnen und Architekten gerade auch in diesen Fällen wichtig zu wissen, für wen entworfen wird. Man könnte von einer nicht näher definierten breiten Masse ausgehen, von normalen Menschen. Doch wer zählt dazu? Ernst Neufert spricht vom Menschen als Maß aller Dinge, doch welcher Mensch der vielen unterschiedlichen Menschen auf der Welt verkörpert dieses Maß? Die Bauentwurfslehre beruft sich hier auf anthropometrische Studien, anhand derer Durchschnittswerte als Grundlage für die angegeben Maße ermittelt wurden. In den heutigen Neuauflagen, analog zur wachsenden Bedeutung der Insklusionsthematik, beinhaltet der Neufert auch Menschen mit körperlichen Behinderungen. Für sie gibt es nun eigene Standards. Die Problematik der Typisierung von Standardmenschen bleibt aber ungelöst. Erneut scheint „der“ Rollstuhlfahrer der Bauentwurfslehre ein Repräsentant aller Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer zu sein. Doch gibt es auch unter den Personen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind einen solchen Standard sicherlich nicht.

Zeichnung aus der Bauentwurfslehre von Ernst Neufert, 2009, S.33.

In Doing Disability Differently thematisiert Jos Boys die Entwurfsansätze in der Architektur mit Blick auf Menschen mit Behinderungen. Dabei kritisiert sie, dass in den meisten Fällen Inklusion und Barrierefreiheit als ein Add-on gesehen werden, die Bedürfnisse von Behinderten also als included as excludable verstanden werden. Das heißt, dass Architektinnen und Architekten zumeist ohne Blick auf Menschen mit Behinderung entwerfen und erst nachdem die eigentliche Entwurfsidee schon abgeschlossen ist, das Gebäude entsprechend gesetzlicher Vorlagen barrierefrei anpassen. Die Erfahrung, Atmosphäre, das abstrakte Konzept, etc. werden von der Funktionalität und dem Nutzen bzw. den Nutzergruppen mit besonderen Bedürfnissen entkoppelt, was dazu führt, dass Aspekte wie Barrierefreiheit hinten anstehen müssen. Diese Kritik lässt sich auch auf den Neufert ausweiten. Zwar wurden im Laufe der Neuauflagen entsprechende Seiten zum barrierefreien Bauen hinzugefügt, aber auch diese sind mehr oder weniger nur Add-ons und vom Rest entkoppelt. Die eigentlichen Entwurfsbeispiele beinhalten fast nie Verweise auf Barrierefreiheit oder die Nutzung durch Behinderte.

Durch die Vielzahl an betroffenen Menschen ist Inklusion ein weit gefasster Begriff, der sich nicht einfach eingrenzen und auf Personengruppen beziehen lässt, die durch isolierte Parameter definiert werden. In der Praxis kann das problematisch sein, aber dadurch ist er auch besonders offen und bietet viele Möglichkeiten mit ihm umzugehen. So ließen sich auch noch mehr Blickwinkel finden, aus denen man den Neufert und auch die Architektur durch die Linse der Inklusion betrachten könnte: Kerstin Dörhöfer verweist z.B. darauf, dass in den Abbildungen des Buchs schon immer ein latenter Sexismus enthalten war: Beim näheren Betrachten fällt auf, dass Frauen stets die Hausarbeit ausüben, während Männer der produktiven und bezahlten Arbeit nachgehen.

Letztlich wird sich aber die Haltung der Architekturschaffenden gegenüber Inklusion im Prozess des Entwerfens als entscheidend erweisen. Wie Jos Boys’ Kritik an der stiefmütterlichen Behandlung von Barrierefreiheit beim Entwerfen deutlich gemacht hat, ist die Gestaltung von Teilhabe oft eine Frage der Geisteshaltung. Wie auch immer die Lösung aussieht, sie sollte den Blick der Entwerfenden erweitern, um sich ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und ihren Minderheiten, wie z.B. Menschen mit Behinderung, Migrantinnen und Migranten sowie sozial oder wirtschaftlich Ausgegrenzten, bewusst zu werden. Nur die eigenen Erfahrungen, die eigene Biografie, oder aber einen kaum reflektierten „Durchschnittsmenschen“ als Grundlage zu nehmen, reicht schlicht nicht aus, um der Vielfalt der Gesellschaft gerecht zu werden. Hier ist von Architekturschaffenden mehr soziale Imaginationskraft zu erwarten.

Dabei ist auch die Haltung dem Neufert gegenüber von Bedeutung. Dem Namen nach, als tatsächliche Bauentwurfslehre, ist er mit Vorsicht zu behandeln. Rein an Zahlen orientiert lässt sich keine humanistisch inklusive Architektur schaffen. Dennoch können die angegebenen Maße sehr hilfreich sein. Entscheidend ist demnach wie das Buch genutzt wird: als Lehrbuch über das Entwerfen oder als eine Zahlensammlung, die einem in gewissen Fällen eine Hilfestellung bietet? Im Rahmen des Inklusionsdiskurses sollte ersteres nicht die Antwort sein. Die Architektin, der Architekt sollte einen offenen Geist bewahren und sich der Limitationen von Handbüchern wie dem Neufert stets bewusst sein. Um dies zu verdeutlichen, ließe sich das Werk vielleicht einfach umbenennen. Der englische Titel ist schon heute um ein vielfaches weniger irreführend: Architects’ Data – Daten für Architekten.

Kontext

Dieser Text ist aus einer kritischen Beschäftigung mit der Bauentwurfslehre von Ernst Neufert im Rahmen des Seminars Teilhabe gestalten! am gtas im Sommersemester 2017 hervorgegangen.

Weiterlesen

Boys, Jos: Doing Disability Differently. An alternative handbook on architecture, dis/ ability and designing for everyday life, Abingdon / New York 2014.

Bude, Heinz: Inklusion als sozialpolitischer Leitbegriff. Ein Essay, in: Degener, Theresia / Diehl, Elke (Hg.): Handbuch Behindertenrechtskonvention: Teilhabe als Menschenrecht, Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe (Schriftenreihe Bundeszentrale für Politische Bildung 1506), Bonn 2015, 388-398.

Dörhöfer, Kerstin: Der „männliche Blick“ in der Bauentwurfslehre, in: Prigge, Walter (Hg.): Ernst Neufert: Normierte Baukultur im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main / New York 1999, 159-167.

Müller, Arnulf: Freiheit und Inklusion, in: Geiger, Gunter / Lengsfeld Michaela (Hg.): Inklusion – ein Menschenrecht. Was hat sich getan, was kann man tun? Berlin / Opladen / Toronto 2015, 11-22.

Schreibe eine Antwort