Flur, Schule

von Alina Weidenhaupt
Redaktion: Christian v. Wissel
01.11.2017

Die aktuellen Entwicklungen im Schulbau zeichnen ein ganz neues Bild des klassischen Schulflurs. Ursprünglich als reine Erschließungsachse geplant, von der aus alle Klassenzimmer abgehen, gilt der Schulflur heute als Feindbild architektonischer Kreativität und Symbol einer nicht mehr gewollten, hierarchischen Ordnung von Raum und Lehre. Als prägende Raumstruktur des Erfahrungsorts Schule scheint er alle negativen Erinnerungen an die eigene Schulzeit in sich zu vereinen. Wie sehr müssen auch Architektinnen und Architekten in den Gängen ihrer Schulzeit gelitten haben? Wie viel mehr aber bedeutete dieser Schulflur bereits damals für die Schule und ihre Nutzerinnen und Nutzer?

Schulhaus Mettlen Wallenwil, Allemann Bauer Eigenmann Architekten

Sicherlich war und ist das bullying, das im Flur oft seinen räumlichen Gehilfen fand, ein Grund eben diesen zu hassen. Aber als offizieller Disziplinarraum war der Flur bereits vor seiner jetzigen Neuerfindung nicht wirklich erfolgreich – konnte man doch zu viel auf ihm anstellen!

Kurzfristig wurde er zum Veranstaltungsort für spontane Wettrennen und Versteckspiele, oder er diente als Treffpunkt und Schauplatz der ersten Annäherung durch einen flüchtigen Blick oder ein im Vorbeigehen gewechseltes, schüchternes Wort. Auf jeden Fall war der Schulflur schon immer ein Ort lebendiger Begegnung, in dem alle Schülerinnen und Schüler, Lehrenden und Eltern trotz der räumlichen Einfachheit und der fehlenden architektonischen Gestaltung zusammenkamen. Oder war der Schulflur als Ort gerade aufgrund dieses angeblichen Mangels lebendig?

Gewiss, in den Grundrissen historischer Schulgebäude erstreckt sich der Flur als eine hierarchische, lineare Struktur, deren Bedeutung und Platz im Schulalltag nur im direkten Erleben nachempfunden werden kann. So vieldeutig und komplex die sozialen und räumlichen Funktionen des Schulflurs sind, so weitreichend muss auch deren Betrachtung und eventuelle Neudefinition erfolgen.

Aktuelle erziehungswissenschaftliche Konzepte erfinden den Schulflur neu und bewegen auch Architektinnen und Architekten dazu, dessen Gestaltung, Artikulation und Funktion innerhalb der Schule zu überdenken. Zur gleichen Zeit dominiert eine neue Einigkeit darüber, dass die Beschränkung auf die reine Erschließung für die wohl markanteste Raumstruktur innerhalb des Schulgebäudes zu wenig ist. Nirgends lassen sich in aktuellen Schulbauprojekten noch „langweilige“ Flure finden. Diese werden vielmehr von breiten Schulstraßen oder räumlich ausdifferenzierten Schulforen abgelöst, um so mehr qualitative Aufenthaltsflächen außerhalb der eigentlichen Klassen- und Gruppenräume bereitstellen zu können. Teilungsräume und Gruppenarbeitsbereiche erweitern das Raumprogramm der Schule, während zusätzliche Garderoben mit Sitzmöglichkeiten, unzählige Regale oder andere Stauräume die Vielfalt ihrer formal festgelegten Nutzungen ausdehnen. Der früher rein funktionell betrachtete Erschließungsraum wird heute zum Wunschraum, in dem auf die Bedürfnisse aller Schulbeteiligter eingegangen werden kann und soll (nur die Gewährleistung des Brandschutzes setzt hier der blühenden Fantasie ihre viel beklagten Grenzen).

Forum, Saint-Jean group of schools, Straßburg, Dominique Coulon & associés

Als Denkanstoß in der Diskussion um den Einfluss von Architektur auf ihre Nutzerinnen und Nutzer speziell im Bereich der Bildungsbauten hat diese „Mehr-als-Flur“-Bewegung durchaus ihre Berechtigung. Wie so oft im Leben darf dabei aber das Maß der Dinge oder in diesem Fall das Ausmaß des Gestaltungsaufwands nicht aus den Augen verloren werden. Betrachtet man z.B. den kontrastreichen Farbeinsatz, die Vielfalt an Funktionsmöbeln und den zusätzlichen Flächenverbrauch der Erschließungswege moderner Schulgebäude, lässt sich ein gewisser Hang zum Übermut nicht leugnen. Wie viel mehr muss ein Flur können um als „Flur plus“ legitimiert zu werden? Und was genau bietet er Lernenden und Lehrenden an Mehrwert, wenn er bereits vorher auf informelle Weise multifunktional war?

Flur, Saint-Jean group of schools, Straßburg, Dominique Coulon & associés

Ein Umdenken in der Bewertung überkommener Raumstrukturen des Bildungsbaus ist sicherlich notwendig und über die Jahre dringlicher geworden. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die historischen Lehrbauten an ihren Fluren gescheitert sind oder ob es nicht viel mehr gerade die Flure waren, die diesen Bauten ihr Leben einhauchten? Festzuhalten ist: die Lockerung der Vorschriften, die den Verbleib der Schüler während der Pausenzeiten betreffen, fordert neue Räumlichkeiten für den geschützten Aufenthalt innerhalb des Schulgebäudes. Alle Beteiligten an Konzeption und Planung von Schulbauten sind hier zu Antworten verpflichtet.

Ist aber die Öffnung und die damit einhergehende radikale Umstrukturierung des Schulflurs gerechtfertigt? War der klassische Schulflur nicht bereits vorher genau der Wunschraum, den man heute mit möglichst vorausschauender Planung und Gestaltung zu generieren versucht? An was werden die Schülerinnen und Schüler von heute später wohl denken, wenn sie sich nach der Bedeutung des Schulflurs fragen? Raum ungestalteten Spiels oder Spielraum für Gestaltung?

Kontext

Dieser Text geht zurück auf eine Auseinandersetzung mit aktuellen Schulbauten im Rahmen des Vertiefungsseminars Density + School, unterrichtet von Klaus Käpplinger und begleitend zum Entwurf School on Top am Institut IDAS im Sommersemester 2017.

Schreibe eine Antwort