Eingriff, klein

von Niloufar Tajeri
Redaktion: Martin Peschken
1.11.2017

Die Entwurfsmethode des Kleinen Eingriffs setzt die Idee des „kleinstmöglichen Eingriffs“ fort, die Lucius Burkhardt im Kontext seiner Modernekritik entwickelte. Befremdet von Maßstab, Radikalität und Monotonie der Umformungen des gebauten Raumes durch technokratisch-funktionalistische Planung in der Nachkriegszeit sowie ihrer Bedeutungs- und Kontextlosigkeit, plädierte Burckhardt für eine Herangehensweise, die aus der genauen Betrachtung des Vorhandenen in präzise, kleinmaßstäbliche Entscheidungen mündet.

„Der Gedanke des kleinsten Eingriffs ist eng verbunden mit der Ablehnung aller modellhaften Erfahrungen.“1

Das Konzept des Kleinen Eingriffs entspringt eindeutig einer kritischen Auseinandersetzung mit der Nachkriegsmoderne, insbesondere ihrer Wohnanlagen, sieht jedoch auch ihre Qualitäten und will sich produktiv mit ihr auseinandersetzen. Denn die Wohnanlagen der Nachkriegsmoderne als Relikte des Bauwirtschaftsfunktionalismus sind das Vorhandene heute, das Zuhause vieler Menschen. Die Fragestellung Burckhardts wird auf die Nachkriegsmoderne angewendet: Wie kann man sie mit kleinen Eingriffen umbauen? Wie kann man die Determiniertheit des Bestandes, Abbild des Glaubens an ein unveränderliches gesellschaftliches Ideal, aufbrechen, ohne den Kontext zu überformen? Wie kann man ihn mit kleinen Eingriffen beweglicher machen für eine sich fortwährend verändernde Gesellschaft, ohne die Atmosphäre des Gebäudes und somit das Fragile, das das „Zuhause sein“ der Bewohnerschaft ausmacht, zu transformieren?

Könnte die Auseinandersetzung mit den Wohnungsgrundrissen des Bestandes anhand ihrer realen Nutzung Aufschluss über eine alternative räumliche Herangehensweise geben, die zugleich aktuellen Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum gerecht wird? Die Moderne ging von einem Ideal aus, das als Standard typologisch präzise ausformuliert wurde – beruhend auf Statistiken und wissenschaftlich ermittelten Ansprüchen. Mit der These der Kleinen Eingriffe verhält es sich gerade umgekehrt. Der Kontext wird genau analysiert und daraufhin eine spezifische Lösung geschaffen: kein Modell, sondern eine präzise entwickelte Entwurfstaktik, die den Eigenheiten des Bestandes und seiner Nutzung angemessene Ergebnisse hervorbringt; kein Schema, sondern die Analyse des Objekts und der finanziellen Anforderungen Bewohner im Einklang mit ihren Wohnbedürfnissen. Die Wirksamkeit des Kleinen Eingriffs entfaltet sich trotz geringen Aufwands, da er auf einer präzisen Auseinandersetzung mit dem Vorhandenem, inklusive der Bewohnerschaft beruht.

Dem Streben nach einem Ideal, nach Schönheit und Ordnung – der architektonischen Doktrin, die sich durch die Geschichte zieht – kann er nicht gerecht werden, zu sehr ist seine Realisierung von Komplexität, Ausnahmen und Widersprüchlichkeiten zwischen gestaltetem und wirkendem Raum abhängig. Der Kleine Eingriff passt sich ein, er diffundiert, wird Teil der Umgebung. Die Sichtbarkeit und Autorschaft der Architektin, des Architekten tritt in den Hintergrund, im Portfolio lässt sich der Kleine Eingriff schwer zeigen. Akzeptanz und Interesse für diese Entwurfsmethode in Praxis und Lehre sind – angesichts des längst etablierten Bauens im Bestand überraschend – rar, ist unsere Disziplin doch noch recht klassisch orientiert: „spannende“ Architektur ist, wenn neue, spektakuläre Gebäude entworfen werden. Und im Umbau entsteht oft der Eindruck, es handle sich um ein gänzlich neues Gebäude…

Ein Beispiel für einen großen Eingriff: das von Stefan Forster Architekten umgebaute und erweiterte Philosophicum (Ferdinand Kramer, 1960) auf dem ehemaligen Universitätsgelände in Bockenheim in Frankfurt im Eigentum des privaten Investors Rudolf Muhr und seiner RMW Wohnungsgesellschaft. Entstanden sind 236 Wohnungen von 21-41 Quadratmetern Größe für Studierende, die für eine Kaltmiete in Höhe von 20-28 Euro pro Quadratmeter vermietet werden.

Aussenansicht „The Flag Bockenheim“ in Frankfurt. Dem Bestandsgebäude wurde eine sich verjüngende Gebäudezeile vorgesetzt. Neu- und Altbau sind über die Treppenhäuser des Bestandsgebäudes miteinander verbunden. Foto: Lisa Farkas

Grundriss Regelgeschoss, „The Flag Bockenheim“, Frankfurt. Architekt: Stefan Forster Architekten

Ein Beispiel für einen Kleinen Eingriff: die von der Arge clemens krug architekten und Bernhard Hummel Architekt umgebaute Büroplatte in Berlin-Lichtenberg. Das Projekt entstand im selbstorganisierten Mietmodell des Mietshäuser Syndikats. Entstanden sind 14 Grundrisstypen, darunter Einpersonenwohnungen, WGs unterschiedlicher Größen, Clusterwohnen, barrierefreies Wohnen, zweigeschossiges Wohnen, mit einer einheitlichen Nettokaltmiete pro Quadratmeter in Höhe von 4,70 Euro.

Aussenfassade des umgebauten Plattenbaus in Berlin-Lichtenberg. Die Wärmedämmung deckt die Mindestfläche ab, die zum Erreichen der angestrebten EnEV-Werte notwendig ist, damit die historische Schicht des Gebäudes erhalten und die Bausumme niedrig bleibt. Foto: Christoph Löffler

Auf der Mix-Etage im 4. OG befinden sich Cluster-Wohneinheiten, die sich Flur, Stauraum, Gemeinschaftsküche sowie Gästewohnung teilen. Architektur: Arge clemens krug architekten und Bernhard Hummel Architekt mit Anna Heilgemeir und Emma Williams.

Abgesehen von Zustand und Lage des Bestandsgebäudes, die einen wesentlichen Anteil an der Investitionssumme des Bauvorhabens ausmachen, gibt es bei diesen beiden Beispielen zwei weitere Unterschiede, anhand derer sich die Entwurfsmethode des Kleinen Eingriffs deutlich von dem großen Eingriff abgrenzen lässt. Diese Unterschiede stellen sich dar als Bestandteile eines jeweils logischen Zirkels, in dem ökonomische und bauliche Eingriffe sich gegenseitig bedingen:

erstens das Eigentumsmodell des Mietshauses, zweitens die Rolle der zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer bei der Planung.

Das Eigentumsmodell des Mietshauses beeinflusst maßgeblich die finanzielle Absicht hinter der Vermietung des Objektes. Wenn es sich um ein renditeorientiertes Unternehmen handelt, so ist die schnellstmögliche Tilgung der Summe prioritär und somit hohe Mietpreise allgemein üblich. Um wiederum die Mietpreise rechtfertigen zu können, werden größere Eingriffe in die Bausubstanz notwendig: eine neue Anmutung in der Fassadengestaltung, hochwertige Oberflächenmaterialien, ästhetische Umbaumaßnahmen. Das Angebot der Wohnformen hingegen wird akribisch anhand betriebswirtschaftlicher Anforderungen ausgerichtet, und gestaltet sich entsprechend konventionell. In Arbeit übersetzt heißt das: ein großer Anteil materieller Arbeit, die sich in tatsächlichen Bauprozessen abbildet (Fassadengestaltung, Einsatz von Materialien etc.) und ein geringerer Anteil immaterieller Entwurfsarbeit, da Grundrissgestaltung und Auseinandersetzung mit tatsächlich bestehenden Wohnbedürfnissen gering sind.

Handelt es sich um eine selbstverwaltete Trägerschaft, so rückt die Bezahlbarkeit der monatlichen Mietpreise sowie die finanziellen Möglichkeiten der Nutzerinnen und Nutzer in der Liste der Prioritäten nach oben, dafür wird eine längere Tilgungszeit hingenommen. Umso wichtiger ist es in diesem Fall, dass die ursprüngliche Investitionssumme niedrig bleibt, die Eingriffe klein, das Output der Eingriffe für die tatsächlichen Wohnbedürfnisse dagegen möglichst hoch. D.h. im Gebäudemaßstab setzt der Kleine Eingriff an der Organisation des Wohnungsgrundrisses an. Oberflächen sind weniger relevant als das (Wohn-)Räumliche und ihre Organisation, sowie die Verknüpfung und Struktur der Nutzungen. Was die Arbeit betrifft, sinkt dabei der Anteil materieller Arbeit, die immaterielle Denkarbeit der Entwerfenden hingegen steigt in Relation zur Komplexität der Abstimmung konkreter Wohnbedürfnisse und finanzieller Anforderungen.

Die Rolle der zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer während der Planung führt zu einer genauen Ausrichtung auf die finanzielle Möglichkeit im Verhältnis zu den tatsächlichen Wohnbedürfnissen. Je nach Wohnform lassen sich z.B. Wohnflächen ökonomischer nutzen (z.B. durch Gemeinschaftsflächen etc.). Ist die Bewohnerschaft anonym, wird sie zum einheitlichen ökonomischen Faktor, entsprechend niedriger fällt die Investition in vielfältige Wohnformen aus.
Je kleiner der Eingriff, desto genauer stimmt er mit der sozialen Dynamik und der gestalterischen Angemessenheit an die tatsächlichen Anforderungen überein.

Der Kleine Eingriff arbeitet mit Knappheit gestalterischer Mittel und hat dennoch mit Austerität wenig gemeinsam. Austerität spart an der „falschen“ Stelle – an der Vielfalt der Wohnungsgrundrisse und sozialen Lebensformen. Austerität ist prinzipiell weitermachen-wie-bisher im Sinne der Machbar- und Wirtschaftlichkeit der Bauindustrie, aber billiger. Gestalterische Knappheit hingegen – scarcity nach Jeremy Till – beruht auf einem Umdenken, einer anderen Art zu gestalten. Nicht billiger weiterbauen, sondern weniger oder gar nicht bauen und v.a. anders bauen und umbauen. Ein ganz altes Prinzip eigentlich. In diesem Sinne ist die Entwurfsmethode des Kleinen Eingriffs zu verstehen: der kleinste Eingriff ist das Auswechseln der Batterien aller Feuermelder im Grenfell Tower und die unbedingte Vermeidung eines billigen brennbaren Wärmedämmverbundsystems.

1. Ritter, Markus und Martin Schmitz (Hg.). Lucius Burckhardt. Der kleinstmögliche Eingriff oder Rückführung der Planung auf das Planbare. Berlin, 2013, S. 157.

Kontext

Dieser Text beruht auf dem Konzept des Kleinen Eingriffs, das in der Publikation Kleine Eingriffe. Neues Wohnen im Bestand der Nachkriegsmoderne, herausgegeben von Walter Nägeli und Niloufar Tajeri (Berlin 2016) entwickelt wurde. Es bildet die Grundlage für das Seminar 1972 (or thereabouts). Zwischen Scheitern, Abriss und Verteidigung des Massenwohnungsbaus im Wintersemester 17/18 am Institut gtas.

Weiterlesen

Nägeli, Walter und Niloufar Tajeri (Hg.): Kleine Eingriffe. Neues Wohnen im Bestand der Nachkriegsmoderne, Basel, 2016.

Ritter, Martin und Martin Schmitz (Hg.): Lucius Burckhardt. Der kleinstmögliche Eingriff oder die Rückführung der Planung auf das Planbare, Berlin 2013.

Till, Jeremy: Scarcity contra Austerity. Designers need to know the difference

Till, Jeremy: Scarcity and Agency, in: Journal of Architectural Education, 68:1, S. 9-11.

1 Kommentar

  1. Jan

    „Less is more“ wenn man viel schafft mit wenig Mitteln, doch wenn Mies mit wenig viel geschafft hat, kann die Entwurfsmethodik des kleinen Eingriffes sich mit weit weniger als dem begnügen. Weniger kann demnach mehr sein, sobald der Architekt versucht Qualitäten zu entdecken statt dem Streben danach neue zu erfinden.

    Der Beitrag “Eingriff, klein” lädt ein nachzudenken, zu Hinterfragen, umzudenken! Appelliert an die Moral, adressiert an die Vernunft.

    Die Attraktivität rechtfertigt sich bereits anhand des genannten Beispiels von 4,70€ pro Quadratmeter im Umbau des Berlin-Lichtenberger Plattenbaues. Das selbstorganisierte Mietmodell des Mietshäuser Syndikats schafft das, was die Bundesländer trotz reichlich Fördermöglichkeiten nur im Maße schaffen: Bezahlbaren Wohnraum. Bei der hohen Nachfrage dessen, hierzu ein kleines Gedankenspiel: Auf Bundeslandebene hat Hamburg den niedrigsten Leerstand mit 4,4% seiner ca. 930.000 Wohneinheiten, das macht einen Leerstand von 40.920 WE. Fügt man dem den Leerstand der Büroflächen (ca. 580.000 m²) hinzu, bei durchschnittlichen 40 m²/ WE, so würde man insgesamt auf 55.420 Wohneinheiten kommen. Im Vergleich dazu wirbt Hamburg durch die neue HafenCity über 7.500 neue Wohneinheiten zu schaffen. 2003 wurde das erste Gebäude fertig gestellt, sodass der Bauprozess bereits seit 15 Jahren erfolgt. Vermutlich wird man aus mehreren Gründen nicht auf den idealistischen Wert von 55.420 Wohneinheiten kommen können, jedoch auf weit mehr Potential als die 7.500 der HafenCity. Daher stellt sich die Frage, ob es nicht nachhaltiger wäre, als “grüne Stadt” auch weniger profitable Objekte ins Auge zu fassen um der hohen Nachfrage nach Wohnraum und somit den Bewohnern der Stadt ein wenig gerechter werden zu können. Anstatt modellhaft neue Quartiere zu schaffen, könnten vorhandene neu erschlossen werden. Salopp gesagt: Warum nicht das der Förderung von Sozialbau bereit gestellte Geld direkt auf Konten wie dem des Mietshäuser Syndikates überweisen. So könnte der Prozess wenigstens ein wenig beschleunigt werden Bestandsgebäude aufzuwerten und partiell neuen Wohnraum zu schaffen. Muss man sich nur einmal vor Augen führen dass der Staat bis 2020 über 1,5 Milliarden Euro jährlich als Kompensationszahlung (soziale Wohnraumförderung) den Bundesländern zur Verfügung stellt. Die Problematik hierbei ist, dass die Renditeorientieren Bauherren eine attraktivere “Alternative” bevorzugen: Die Aufstockung des Wohngeldes, so dass Subjekt statt Objektförderung stattfindet und hierdurch ein höherer Profit zu erzielen ist.

    Über das Potential den “kleinen Eingriff” auf sozialpolitischer Ebene hinaus kontrovers zu diskutieren, hat er in seiner Entwurfsmethodik die Absicht nicht nur in der Quantität sondern auch der Qualität zu überzeugen. Die Kreativität eines Architekten findet hier im Denkprozess anstelle der Ornamentik einer Prunkfassade statt. Gezielte kleine Eingriffe können vielfältige und somit nachhaltige Grundrissformen schaffen, indem sie den Bedürfnissen der Bewohner nachkommen. Die selbstverwaltete Trägerschaft stellt demnach andere Anforderungen als der Absicht danach das Objekt profitorientiert weiter zu vermieten. Hier geht es um den Mehrwert selbst und nicht um die Vermarktung dessen! Die von Burkhardt abgeleiteten Fragestellungen, welchen Faktoren die Eingriffe im Bestand (der Nachkriegsmoderne) zugrunde liegen, weisen auf die Komplexität der Methodik hin, doch gerade hier kann der Architekt sich seines eigenen Verstandes bedienen und daran Versuchen mit wenig Mitteln viel zu schaffen.

    Widmet man sich nicht dem Profit als Antriebskraft, definiert die Ökonomie nicht allein durch Wertsteigerung, so können progressive Konzepte zum Umgang mit Bestand entstehen und den Immobilienmarkt ein wenig provozieren. Der kleine Eingriff macht es möglich, das Mietshäuser Syndikat macht es vor, doch wie können auch Mietmodelle ohne Eigenkapital entstehen und gefördert werden?

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