Eigenständig, miteinander

von Christian Martens
Redaktion: Niloufar Tajeri

Konzeptstark zu sein, teamfähig, kommunikativ, sich selbst und die eigene Haltung stets hinterfragend – all dies sind Tugenden, an denen sich die Absolventinnen und Absolventen des Architekturstudiums messen lassen wollen und auch müssen. Doch in welchem Umfang kann die Universität sie dabei unterstützen und an welcher Stelle ist Kooperation, sprich ein Miteinander gefragt, und an welcher Eigenständigkeit? Wie wichtig sind Diskussion und Austausch für die Entwicklung einer architektonischen Haltung und welche Strukturen, organisatorischer und räumlicher Art, sind Bedingung hierfür?

Die Braunschweiger Zeichensäle sind es, die sicherlich jedem, der sie einmal erleben durfte, sofort als verbindende Schnittstelle zur oben genannten Thematik in den Sinn kommen. Doch können die Zeichensäle in ihrer Organisation und Anzahl das leisten, was sich alle davon versprechen und erhoffen? Und wie sieht darüber hinaus der Bezug zum Lehrkörper aus?

Die Zeichensaalkultur in der Architekturlehre an der TU Braunschweig bietet neben eigenen Arbeitstischen für die Studierenden auch Rückhalt in allen möglichen Situationen und auf verschiedenen Ebenen. Darüber hinaus können die Projekte aller Zeichensaal-Mitglieder der Inspiration dienen, wodurch jede/r einzelne beispielsweise bei der Plangestaltung und dem Layout sowie beim Modellbau die eigenen Fähigkeiten erweitern kann. Dies gilt jedoch nur in eingeschränkten Maßen: die Voraussetzung ist nämlich, dass man zu den glücklichen Platzinhaberinnen und Platzinhabern gehört. Die Selbstverwaltung und Vorzüge in allen Ehren, muss in meinen Augen die Zugänglichkeit sowie die generelle Verfügbarkeit von Arbeitstischen an dieser Stelle ebenso kritisch hinterfragt werden wie ich die Vorzüge gerne benenne. Wünschenswert wäre natürlich eine so hohe Platzkapazität, dass allen Architektur-Studierenden die Möglichkeit auf diese Art des Miteinanders eingeräumt würde. Legt man allerdings die Studierendenstatistik der TU Braunschweig aus dem Wintersemester 2016/17 zugrunde, offenbart sich, wie weit Wunschvorstellung und Realität auseinander liegen. Laut Statistik liegt die Studierendenzahl im Fach Architektur bei etwas über 1.000 – Bachelor- und Masterstudierende zusammengefasst. Selbst nach Abzug der 250 Erstsemester, für die ein solcher Platz noch nicht von ganz so großer Bedeutung ist, bleiben für 750 Platzanwärter gerade einmal 331 verfügbare Plätze, wie es aus dem Übersichtsdokument zu den Zeichensälen der Fakultät 3 hervorgeht. Auch wenn der Neubau eines Studierendenhauses weitere 41 Arbeitstische zur Verfügung stellen wird (Stand August 2018) und mit 372 Plätzen ein Trend hin zu einer größeren Verfügbarkeit erkennbar wird, bleibt dennoch ein großes Defizit, welches die Fakultätsleitung eigentlich zum Handeln drängen sollte.

Hieran anknüpfend plädiere ich dafür, die Durchmischung unterschiedlicher Semester, Kulturen und Herangehensweisen etc. mit voller Kraft anzustreben. Eine solche Durchmischung hat nämlich nicht nur die beschriebenen positiven, sporadisch auftretenden Nebeneffekte, sondern bietet vielmehr die Chance auf interessanten Austausch und professionelle Weiterentwicklung bei ganz unterschiedlichen Haltungen und Erfahrungen. Aus dem Miteinander zieht man ganz Unterschiedliches, was zuallererst auch jede/r für sich selbst erkennen und zu nutzen wissen muss – es handelt sich schließlich um einen Lernprozess. Auch ist Kommunikation kein „Muss“ sondern Art und Umfang des Austauschs sind für jede/n frei wählbar; das Vorhandensein dieser Möglichkeit führt demnach selten zu Unmut, außer bei denen, die im universitären Rahmen keinen oder nur begrenzt Zugriff auf die Ressource Zeichensaal haben. In dem Moment aber, wenn es gilt, die eigenen Ideen zu kommunizieren – sei es universitäts- oder später bürointern, oder aber vor der Bauherrin oder dem Bauherrn – zeigt sich, wer im „geschützten“ Rahmen seine Fähigkeiten verbessern und erweitern konnte. Regelmäßige Diskussionen helfen dabei, architektonische Konzepte klar zu formulieren und bewirken bessere Ergebnisse, da durch regelmäßiges Hinterfragen oder hinterfragt werden weniger in eine Richtung gearbeitet wird, die sich später als Sackgasse entpuppt.

Mit „geschützt“ meine ich hier in erster Linie den Zeichensaal als geschlossene Einheit des Zusammenhalts, da die hier auftretenden Unsicherheiten im Grunde genommen alle vereinen und offene, ehrliche, frei von Hierarchien geführte Diskussionen zwischen Studierenden möglich sind, ohne den unmittelbaren Notendruck zu spüren und „gefallen“ zu wollen oder sogar zu müssen. An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, ob man nicht auch das gesamte Studium als „geschützten“ Raum verstehen müsste oder sogar sollte?

Wenn man davon ausgeht, dass während des Entwurfsprozesses eintretende Unsicherheiten und daraus resultierend unglücklich getroffene Entscheidungen im Gespräch mit erfahreneren Fachleuten ausgeräumt und zukünftig vermieden werden können, dann wird deutlich, wie wichtig die Beziehung zu den Lehrstühlen und zu den Betreuerinnen und Betreuern über den studentischen Austausch hinaus ist. Selbst ein ideal aufgestellter Zeichensaal, dessen Kommunikationskultur auf einem für alle bereichernden Niveau funktioniert, benötigt und wünscht den Input der Lehrenden, der wiederum über die Studierenden zurück in die Zeichensaalkultur einfließt. Doch was den Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden betrifft, ist die Ressource „Zeit“ oftmals sehr knapp. Der Schuh drückt meines Erachtens an eben dieser Stelle.

In den Zeichensälen brennt fast immer Licht. Zu Beginn des Semesters lässt sich dieser Umstand hin und wieder mit der Gedankenlosigkeit einiger Studierenden, hier will ich mich gar nicht ausnehmen, begründen. Es dauert allerdings nur wenige Wochen, bis das brennende Licht nachts wirklich gebraucht wird und ein kollektives Miteinander zwischen den einzelnen Studierenden nahezu von selbst entsteht. Was zwischen ihnen fast mühelos gelingt, ist zwischen Lehrenden und Lernenden meist nur schwierig zu erreichen, wofür nicht ausschließlich vorhandene oder fehlende Sympathien verantwortlich sind. Eher gibt es einen strukturellen Bruch in der Berührung beider Seiten, den beide Seiten gleichwohl zu überwinden trachten: Streben nicht Lehrende und Studierende eine engere Verwebung an, die aber aufgrund nur sehr weniger Korrekturminuten und
oftmals übermäßigem Zeitdruck nicht gelingen mag?

Zwanglose Aufeinandertreffen, bei denen sich beide Seiten auf Augenhöhe und ohne auf die Uhr schauen zu müssen begegnen könnten, wären sicherlich eine gute Abhilfe. Je besser man eine Person einzuschätzen weiß, desto einfacher und klarer ist auch die Kommunikation, die es für gute Arbeitsergebnisse braucht. Friedrich Wilhelm Kraemers Hochschulforum könnte ein solcher Ort der Begegnung sein, der vor allem im Sommer ein gemeinsames Miteinander stärken könnte, sollte, und bei entsprechender Gestaltung sicherlich auch würde. Doch selbst wenn sich der Campus der TU Braunschweig dahingehend verbessert, kann sich ein solcher Raum nur langfristig etablieren, wenn auch seitens der Lehrenden das Verhältnis von ICE-Zeit zu Campus-Zeit auf den Prüfstand gestellt würde.

Eine gemeinsame Exkursion zum Auftakt der Entwurfsaufgaben, eine „Campus-Bar“, in der auch zufällige Treffen stattfinden würden und grundsätzlich mehr und längere Entwurfskorrekturen – in anderen Worten, mehr Zeit und Raum, um den generellen wie fachspezifischen Austausch zu pflegen – all das sind Möglichkeiten, die zur Zeit noch starren Hierarchien ein wenig aufzuweichen und Studierenden wie Lehrenden mehr Sicherheit in ihrem Handeln zu vermitteln. Auch die zum Teil ebenso starren, in sich geschlossenen Zeichensäle könnten sich dann öffnen, wenn für alle ein Gefühl des Miteinanders und weniger des Gegeneinanders herrschte. Hier sind die Lehrenden ebenso gefragt wie die Lernenden; Lehrformate wie die Thesaurus-Schreibwerkstatt, die diesen Brückenschlag wagen, sind ein wichtiger Anfang.

Kontext
Dieser Text ist im Rahmen der Schreibwerkstatt Thesaurus Architektur im Sommersemester 2018 am Institut gtas entstanden.

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