Eigenständig, miteinander

von Christian Martens
Redaktion: Niloufar Tajeri
8.10.2018

Konzeptstark zu sein, teamfähig, kommunikativ, sich selbst und die eigene Haltung stets hinterfragend – all dies sind Tugenden, an denen sich die Absolventinnen und Absolventen des Architekturstudiums messen lassen wollen und auch müssen. Doch in welchem Umfang kann die Universität sie dabei unterstützen und an welcher Stelle ist Kooperation, sprich ein Miteinander gefragt, und an welcher Eigenständigkeit? Wie wichtig sind Diskussion und Austausch für die Entwicklung einer architektonischen Haltung und welche Strukturen, organisatorischer und räumlicher Art, sind Bedingung hierfür?

Die Braunschweiger Zeichensäle sind es, die sicherlich jedem, der sie einmal erleben durfte, sofort als verbindende Schnittstelle zur oben genannten Thematik in den Sinn kommen. Doch können die Zeichensäle in ihrer Organisation und Anzahl das leisten, was sich alle davon versprechen und erhoffen? Und wie sieht darüber hinaus der Bezug zum Lehrkörper aus?

Die Zeichensaalkultur in der Architekturlehre an der TU Braunschweig bietet neben eigenen Arbeitstischen für die Studierenden auch Rückhalt in allen möglichen Situationen und auf verschiedenen Ebenen. Darüber hinaus können die Projekte aller Zeichensaal-Mitglieder der Inspiration dienen, wodurch jede/r einzelne beispielsweise bei der Plangestaltung und dem Layout sowie beim Modellbau die eigenen Fähigkeiten erweitern kann. Dies gilt jedoch nur in eingeschränkten Maßen: die Voraussetzung ist nämlich, dass man zu den glücklichen Platzinhaberinnen und Platzinhabern gehört. Die Selbstverwaltung und Vorzüge in allen Ehren, muss in meinen Augen die Zugänglichkeit sowie die generelle Verfügbarkeit von Arbeitstischen an dieser Stelle ebenso kritisch hinterfragt werden wie ich die Vorzüge gerne benenne. Wünschenswert wäre natürlich eine so hohe Platzkapazität, dass allen Architektur-Studierenden die Möglichkeit auf diese Art des Miteinanders eingeräumt würde. Legt man allerdings die Studierendenstatistik der TU Braunschweig aus dem Wintersemester 2016/17 zugrunde, offenbart sich, wie weit Wunschvorstellung und Realität auseinander liegen. Laut Statistik liegt die Studierendenzahl im Fach Architektur bei etwas über 1.000 – Bachelor- und Masterstudierende zusammengefasst. Selbst nach Abzug der 250 Erstsemester, für die ein solcher Platz noch nicht von ganz so großer Bedeutung ist, bleiben für 750 Platzanwärter gerade einmal 331 verfügbare Plätze, wie es aus dem Übersichtsdokument zu den Zeichensälen der Fakultät 3 hervorgeht. Auch wenn der Neubau eines Studierendenhauses weitere 41 Arbeitstische zur Verfügung stellen wird (Stand August 2018) und mit 372 Plätzen ein Trend hin zu einer größeren Verfügbarkeit erkennbar wird, bleibt dennoch ein großes Defizit, welches die Fakultätsleitung eigentlich zum Handeln drängen sollte.

Hieran anknüpfend plädiere ich dafür, die Durchmischung unterschiedlicher Semester, Kulturen und Herangehensweisen etc. mit voller Kraft anzustreben. Eine solche Durchmischung hat nämlich nicht nur die beschriebenen positiven, sporadisch auftretenden Nebeneffekte, sondern bietet vielmehr die Chance auf interessanten Austausch und professionelle Weiterentwicklung bei ganz unterschiedlichen Haltungen und Erfahrungen. Aus dem Miteinander zieht man ganz Unterschiedliches, was zuallererst auch jede/r für sich selbst erkennen und zu nutzen wissen muss – es handelt sich schließlich um einen Lernprozess. Auch ist Kommunikation kein „Muss“ sondern Art und Umfang des Austauschs sind für jede/n frei wählbar; das Vorhandensein dieser Möglichkeit führt demnach selten zu Unmut, außer bei denen, die im universitären Rahmen keinen oder nur begrenzt Zugriff auf die Ressource Zeichensaal haben. In dem Moment aber, wenn es gilt, die eigenen Ideen zu kommunizieren – sei es universitäts- oder später bürointern, oder aber vor der Bauherrin oder dem Bauherrn – zeigt sich, wer im „geschützten“ Rahmen seine Fähigkeiten verbessern und erweitern konnte. Regelmäßige Diskussionen helfen dabei, architektonische Konzepte klar zu formulieren und bewirken bessere Ergebnisse, da durch regelmäßiges Hinterfragen oder hinterfragt werden weniger in eine Richtung gearbeitet wird, die sich später als Sackgasse entpuppt.

Mit „geschützt“ meine ich hier in erster Linie den Zeichensaal als geschlossene Einheit des Zusammenhalts, da die hier auftretenden Unsicherheiten im Grunde genommen alle vereinen und offene, ehrliche, frei von Hierarchien geführte Diskussionen zwischen Studierenden möglich sind, ohne den unmittelbaren Notendruck zu spüren und „gefallen“ zu wollen oder sogar zu müssen. An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, ob man nicht auch das gesamte Studium als „geschützten“ Raum verstehen müsste oder sogar sollte?

Wenn man davon ausgeht, dass während des Entwurfsprozesses eintretende Unsicherheiten und daraus resultierend unglücklich getroffene Entscheidungen im Gespräch mit erfahreneren Fachleuten ausgeräumt und zukünftig vermieden werden können, dann wird deutlich, wie wichtig die Beziehung zu den Lehrstühlen und zu den Betreuerinnen und Betreuern über den studentischen Austausch hinaus ist. Selbst ein ideal aufgestellter Zeichensaal, dessen Kommunikationskultur auf einem für alle bereichernden Niveau funktioniert, benötigt und wünscht den Input der Lehrenden, der wiederum über die Studierenden zurück in die Zeichensaalkultur einfließt. Doch was den Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden betrifft, ist die Ressource „Zeit“ oftmals sehr knapp. Der Schuh drückt meines Erachtens an eben dieser Stelle.

In den Zeichensälen brennt fast immer Licht. Zu Beginn des Semesters lässt sich dieser Umstand hin und wieder mit der Gedankenlosigkeit einiger Studierenden, hier will ich mich gar nicht ausnehmen, begründen. Es dauert allerdings nur wenige Wochen, bis das brennende Licht nachts wirklich gebraucht wird und ein kollektives Miteinander zwischen den einzelnen Studierenden nahezu von selbst entsteht. Was zwischen ihnen fast mühelos gelingt, ist zwischen Lehrenden und Lernenden meist nur schwierig zu erreichen, wofür nicht ausschließlich vorhandene oder fehlende Sympathien verantwortlich sind. Eher gibt es einen strukturellen Bruch in der Berührung beider Seiten, den beide Seiten gleichwohl zu überwinden trachten: Streben nicht Lehrende und Studierende eine engere Verwebung an, die aber aufgrund nur sehr weniger Korrekturminuten und
oftmals übermäßigem Zeitdruck nicht gelingen mag?

Zwanglose Aufeinandertreffen, bei denen sich beide Seiten auf Augenhöhe und ohne auf die Uhr schauen zu müssen begegnen könnten, wären sicherlich eine gute Abhilfe. Je besser man eine Person einzuschätzen weiß, desto einfacher und klarer ist auch die Kommunikation, die es für gute Arbeitsergebnisse braucht. Friedrich Wilhelm Kraemers Hochschulforum könnte ein solcher Ort der Begegnung sein, der vor allem im Sommer ein gemeinsames Miteinander stärken könnte, sollte, und bei entsprechender Gestaltung sicherlich auch würde. Doch selbst wenn sich der Campus der TU Braunschweig dahingehend verbessert, kann sich ein solcher Raum nur langfristig etablieren, wenn auch seitens der Lehrenden das Verhältnis von ICE-Zeit zu Campus-Zeit auf den Prüfstand gestellt würde.

Eine gemeinsame Exkursion zum Auftakt der Entwurfsaufgaben, eine „Campus-Bar“, in der auch zufällige Treffen stattfinden würden und grundsätzlich mehr und längere Entwurfskorrekturen – in anderen Worten, mehr Zeit und Raum, um den generellen wie fachspezifischen Austausch zu pflegen – all das sind Möglichkeiten, die zur Zeit noch starren Hierarchien ein wenig aufzuweichen und Studierenden wie Lehrenden mehr Sicherheit in ihrem Handeln zu vermitteln. Auch die zum Teil ebenso starren, in sich geschlossenen Zeichensäle könnten sich dann öffnen, wenn für alle ein Gefühl des Miteinanders und weniger des Gegeneinanders herrschte. Hier sind die Lehrenden ebenso gefragt wie die Lernenden; Lehrformate wie die Thesaurus-Schreibwerkstatt, die diesen Brückenschlag wagen, sind ein wichtiger Anfang.

Kontext
Dieser Text ist im Rahmen der Schreibwerkstatt Thesaurus Architektur im Sommersemester 2018 am Institut gtas entstanden.

2 Kommentare

  1. veit

    Ungerecht.

    Nichts anderes ist die Vergabe von Zeichensaalplätzen an der TU Braunschweig.
    Ein Segen für alle, die in den Genuss kommen, einen begehrten Platz zu erlangen.
    Frust für diejenigen, die es vergeblich versuchen.
    Es ist wichtig, dieses Problem anzugehen und nicht zu ignorieren, auch dann,
    wenn man selbst einen Platz im Zeichensaal hat.
    Deshalb ist auch dieser Text wichtig.
    Eine gute Lösung gibt es aber solange nicht, bis ausreichend Plätze vorhanden sind.
    Da hilft auch keine „Durchmischung der Semester, Kulturen und Herangehensweisen“,
    die im Übrigen meiner Ansicht nach schon stattfindet und auch sehr gut funktioniert.
    Denn: mehr Plätze schafft sie auch nicht.

    Eine andere Lösung für dieses Problem bietet dieser Text leider nicht,
    er beschäft sich aber mit einem weiteren Problem.

    Der Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden.
    Zu distanziert.
    zu wenig Zeit.
    zu unflexibel.

    Das ist wahr. Eine Korrektur ist oft sehr knapp angesetzt und man hat manchmal nicht genug Zeit.
    Das kann aber auch helfen, es zwingt, sich auf die wichtigen Fragen zu beschränken
    und nicht jedes kleinste Detail mit dem Betreuer zu besprechen.
    Schließlich ist es doch förderlich, sich selbst Gedanken zu machen
    und manchmal eben nicht Alles zu besprechen.
    Ich finde auch nicht, dass man sich öfter treffen sollte.
    Gerade am Anfang eines Entwurfes, wo es um Ideenfindung geht,
    ist es wichtig sich zu entfalten, abzuwägen
    auszuprobieren und auch daneben zu liegen und zu verwerfen.
    Zu häufige Treffen, können dieser Freiheit entgegenwirken und das wäre schade.

    „Zwanglose Aufeinandertreffen“ wären eine Möglichkeit, denjenigen mehr Zeit zu geben,
    die sie benötigen und haben wollen.
    Dies Treffen wären aber keine Pflichttermine.
    Ich fürchte allerdings, dass manche, ohne Pflicht gar nicht kommen würden,
    oder man bevorzugt behandelt wird, wenn man öfter erscheint und das produziert,
    was vom Betreuer empfohlen wird.
    Vielleicht könnte man zusätzlich zu den Korrekturterminen noch extra Termine einrichten,
    für diejenigen, die diese benötigen und wollen.
    Im Verlauf eines Entwurfs, ist das durchaus hilfreich, es gibt Phasen, in denen man sich fast jeden Tag mit dem Betreuer treffen könnte und Phasen,
    in denen man auch ohne Korrektur gut vorankommt.
    Für diese extra Termine fehlt aber vermutlich die Zeit und die Flexibilität.

    Und schon sind wir wieder beim Zeitproblem und dem Verhältnis von „Campus- Zeit und ICE- Zeit“, die im Text erwähnt wird.

    „Eigenständig, miteinander“ nimmt sich als Reaktion auf “ Architekturlehre gestern-heute“
    vieler Probleme an, bietet teilweise Lösungen
    und hinterfragt kritisch, bestehende Situationen und Lehrformen an der TU,
    über die es zu diskutieren gilt.
    Deshalb ist der Text ein wichtiger Beitrag.

  2. Katharina Rohrbach

    „Eigenständig, miteinander“: Ein gelungener und interessanter Beitrag, der auf einige Problematiken verweist, mit denen man sich im alltäglichen Architekturstudium befasst und der dafür plädiert, dass man ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken und somit nach Lösungsansätzen suchen sollte.

    Lohnt es sich überhaupt, wenn ich zu einem Zeichensaalcasting gehe?
    Es steht wahrscheinlich außer Frage, dass viele von uns sich bereits mit diesem Gedanken kritisch auseinandergesetzt haben. Aufgrund oben genannter Thematik und Statistiken wird das System Zeichensaal oftmalig hinterfragt: Ist das alles fair? Genauer betrachten sollte man die Frage, ob es ausschließlich Aufgabe der Universität ist, allen Architekturstudierenden ausreichend Plätze zu gewährleisten oder ob wir als Studierende selbst dafür verantwortlich sind, eine zeitweilige Lösung für diese Problematik zu finden.
    Ich teile die Ansicht, dass darüber gesprochen beziehungsweise diskutiert werden sollte.

    Zwar ist es unwahrscheinlich, dass Architekturstudierende Hunderte an neuen Plätzen schaffen können, dennoch bin ich der Meinung, dass man durch kleine Taten Großes bewirken kann. So könnten Inhaber eines Zeichensaalplatzes die Grenze ihrer „geschlossenen Einheit“ verschwimmen lassen, indem sie ihre Kommilitonen, die keinen unmittelbaren Zugang zu einem Tisch in einem Zeichensaal haben, weniger ausschließen und ihnen die Chance bieten, außerhalb von Korrekturen an einem Austausch teilzunehmen. Lösungsansätze diesbezüglich wären:
    – Beantragung einer Nacht- und Wochenendarbeitsgenehmigung für befreundete oder bekannte Mitstudierende.
    – Einladung zu internen Zeichensaal-Korrekturen.
    – Eigenen Platz für ein Semester an jemanden abgeben, der ihn dringlicher benötigt (sogenannter „Springerplatz“).
    – Schaffung weiterer offener Arbeitsräume (Beispiel: „Pavillon-Zeichensaal“).

    Wir jagen kaum etwas mehr hinterher als Zeit.

    In dem Text werden weitere Probleme in Anlehnung an „Architekturlehre, gestern–heute“ von Götz Hinrichsen behandelt.

    Der Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden ist ein wichtiger Bestandteil des Architekturstudiums. Er bietet eine gute Vorbereitung auf das spätere Berufsleben, indem man täglich mit Fachleuten kommunizieren wird und eigene Entwurfsideen präsentieren muss.

    Zeitmangel im Hinblick auf Korrekturen sollte man aus meiner Sicht nicht zwingend ins schlechte Licht rücken, sondern auch von der positiven Seite beleuchten. Zwar sind sie mit ihren 30 bis 40 Minuten knapp bemessen, jedoch darf man dabei nicht außer Acht lassen, dass eine Korrektur keinen fertigen Entwurf liefern soll, sondern den Architekturstudierenden durch eine Peer-to-Peer-Situation lediglich verschiedene Blickwinkel und Verbesserungsvorschläge zu ihren Entwürfen mit auf den Weg geben soll. Demzufolge schließe ich mich dem vorangegangenen Kommentar an: Durch die kurze Zeitspanne ist man automatisch dazu gezwungen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, was auch nachfolgend im Büro von großer Bedeutung sein wird. Würde man zusätzliche Termine einräumen, hätte man zu befürchten, dass es nicht alle in ihren Zeitplan integrieren können, was wiederum zu Ungleichheiten führen würde.

    Mit Personen aus dem Lehrkörper wird meist auf Augenhöhe kommuniziert, was sich positiv auf das Arbeitsklima auswirkt. Studierende haben auf diese Weise weniger Hemmungen, offen und frei vor ihnen zu reden. Lehrende stehen den Studierenden auch sonst gerne per Mail zur Verfügung, falls nach einem Korrekturtermin noch Fragen aufkommen. Würde man das Verhältnis enger miteinander verweben, bestünde dann nicht die Gefahr, dass Lehrende an Autorität verlieren und von den Studierenden eher als Freunde angesehen werden? An dieser Stelle spalten sich die Meinungen.

    „Zwangloses Aufeinandertreffen“ klingt in erster Linie nach einer guten Idee. Die Erfahrung zeigt leider etwas anderes. Auch ich befürchte, wie im obigen Kommentar, dass man nur wenige an solchen Orten antreffen würde (sowohl Lehrende als auch Studierende), besonders dann, wenn diese nicht zentral gelegen sind. Man müsste an dieser Stelle überlegen, wie man die Angebote attraktiv gestalten könnte, sodass mehrere ihr Herz hineinlegen würden und bereitwillig sind, diese Orte freiwillig und trotz des vollen Semesterplans aufzusuchen.

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