Digitalisierung, hegemoniale

von Leon Vöckler
Redaktion: Martin Peschken
10.05.2019

Wenn die Computer immer schlauer werden, werden dann die Architekten immer dümmer? Egal ob Lasercutter, 3D-Drucker, Rendering oder Photoshop, die Digitalisierung hat sich in der Architektur fest verankert und ist aus dem Architekturstudium kaum mehr wegzudenken. Aber inwiefern beeinflusst sie uns in unseren Denk- und Arbeitsweisen?

Noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein erfolgte die architektonische Entwurfsarbeit völlig analog, bis in den Achtzigerjahren Programme aus der Flugzeugindustrie auf die neu aufkommenden, erschwinglichen Personal-Computer zugeschnitten wurden, wobei vor allem die zeichnerische Präzision und die Möglichkeit der einfachen, nachträglichen Überarbeitung der angefertigten Pläne für diese Anwendungen sprachen. Was anfangs noch eine simple Übersetzung von Lineal und Winkelmaß ins Digitale war, veränderte innerhalb weniger Jahrzehnte vermittels Blocks, BIM, 3D-Modelling und größerer Rechenleistung die Arbeitsweise der Architekten von Grund auf. Heute können repetitive Zeichenoperationen und Arbeitsschritte, die beispielsweise nach dem trial and error-Prinzip erfolgen, einfach vom Computer übernommen und schneller als mit analogen Mitteln berechnet werden. Die Ergebnisse können in Sekundenschnelle via Cloud-Sharing mit anderen Planern geteilt und rund um den Globus mit VR-Brillen erlebt werden, ohne dass dafür ein einziger Stein gesetzt werden muss.

Doch das soll nicht heißen, dass alle analogen Techniken dagegen langwierig, ineffizient und schlecht sind. Im Gegenteil sind sie den digitalen Technologien in mancher Hinsicht überlegen und glänzen vor allem durch jahrzehnte-, teils jahrhundertelange Optimierung sowie durch ihre einfache Erlernbarkeit. Eine plötzlich in den Kopf schießende Entwurfsidee lässt sich wohl nach wie vor schneller und intuitiver mit einem Stift auf ein Stück Papier skizzieren, als erst den Laptop hochzufahren und den kreativen Impuls mit der Frage nach den genauen Maßen des in CAD zu zeichnenden Objektes abzubremsen. Ein Stift und ein Skizzenbuch sind außerdem weitaus kostengünstiger als ein Tablet mit Touchpen – und wer mit Bleistift zeichnet und noch einen Radiergummi dazu kauft, braucht gewissermaßen nicht einmal auf Strg+Z zu verzichten.
Die Unverfügbarkeit von copy and paste beim analogen Zeichnen bedeutet zwar unter Umständen, mehr Zeit investieren zu müssen, führt aber auch dazu, dass der Zeichner über die Notwendigkeit jeder Linie nachzudenken gezwungen ist. Es erfolgt eine deutlich genauere Kontrolle und Evaluation des eigenen Tuns, als es bei dem stumpfen Hintereinander-Klicken von Linien der Fall wäre.

Absurderweise scheinen aber viele Studierende sich dieser Vorzüge der analogen Arbeitsweisen gar nicht bewusst zu sein. Schon häufiger konnte ich beobachten, wie Kommilitoninnen und Kommilitonen sich Termine am Lasercutter ergattern, nur um anschließend Rechtecke ausschneiden zu lassen. Nicht nur wäre das Schneiden von Hand in diesen Fällen kostengünstiger und auch ohne verrußte Kanten möglich, es würde mit etwas Übung wohl auch schneller gehen, als eine Laservorlage zu erstellen und den Weg zum Laser hin und zurück zu unternehmen. Meiner Meinung nach schränken sich viele Studierende durch ihre mangelnden Kenntnisse und durch die Grenzen der Programme selber in ihrer Entwurfsfreiheit ein. Aussagen wie „Ich weiß nicht, wie ich das in 3D bauen soll, also mach ich es nicht“, sind da keine Seltenheit.
Doch wie kommt das? Was sagt es über unsere Entwurfskultur aus, dass viele Studenten, mich selber eingeschlossen, sich in gewisser Weise zum digitalen Arbeiten gezwungen sehen?

Zunächst einmal erscheint die Digitalisierung im Allgemeinen neu und zukunftsweisend. Sie revolutioniert viele Bereiche der Technik und ist maßgebend an dem beteiligt, was wir heute an unserem Leben als modern bezeichnen würden. Da man als Student möglichst zukunftsorientiert sein möchte und gerne die Fähigkeiten erwerben will, die Jahre später im Beruf noch Relevanz haben, schätzt man Digitales mehr, als Traditionelles, Analoges.
Einige Module und Seminare wie beispielsweise „Media Design“ oder „Digitales Gestalten“ versuchen, das Problem des auf Grund von mangelndem know-how ‚nicht baubaren‘ 3D-Modells anzugehen, indem sie neben dem Erfüllen einer kleinen Entwurfsaufgabe auch auf die intensive Auseinandersetzung und das Erlernen digitaler Entwurfswerkzeuge abzielen. Hierbei wird den Studierenden jedoch nicht zum gelegentlichen Rückgriff auf analoge Techniken geraten, sondern im Gegenteil ihre Auffassung von der Unumgänglichkeit digitaler Tools häufig nur noch verstärkt.
Auch das allgemeine Umfeld, in welches sich ein Architekturstudent an der Technischen Universität begibt, könnte zu diesem fast zwanghaften Gebot zum Digitalen beitragen. In einem Milieu, das geprägt ist von der Entwicklung technischer und digitalisierter Forschungsmethoden und Produkten, hat die Innovation im Digitalen ganz sicher auch Relevanz und deshalb Präsenz. Hier wäre es interessant herauszufinden, ob es Architekturstudierenden an einer Kunsthochschule ähnlich geht.

Am meisten erscheint mir jedoch das Konkurrenzdenken im Architekturstudium den klaren Blick zu verstellen darauf, was die besten, effizientesten und passendsten Instrumente des Entwerfens wären. Regelmäßig hängen im Pavillon die vermeintlich besten Arbeiten des Semesters aus, viele von ihnen mit so komplexen Zeichnungen und realistisch aussehenden Renderings, dass der hohe Grad an Beherrschung digitaler Werkzeuge zur Bedingung des Erfolgs geworden zu sein scheint.
Betroffen ist der Modellbau ebenso wie Zeichnungen und Perspektiven. Beispielsweise sind Lochfassaden mit hunderten Fenstern dank Laser und Co. keine große Arbeit, von Hand geschnitten wären sie dagegen eine Tortur. Somit erzeugen die digitalen Werkzeuge zwar nicht automatisch bessere Entwürfe, beeindrucken aber auf den ersten Blick durch komplexere Darstellungsformen.
Studierende der ersten Semester und Studierende, deren Arbeiten es nicht in eine dieser Ausstellungen geschafft haben, sehen die digital erzeugten Darstellungsmethoden als state of the art an und zwingen sich selbst zur Nutzung von Werkzeugen, mit denen sie auf ähnliche Weise effektheischend wie ihre Vorbilder ihren Entwürfen zu einem positiven, ersten Eindruck verhelfen können.

Ein Effekt dieses Zwangs zur Digitalisierung – oder genauer: der Hegemonie des Digitalen – sind dann häufig lange Wartelisten in der Modellbauwerkstatt an Laser, Fräse und 3D-Drucker. Für viele scheint nicht zu Lasern gar keine Option zu sein, wenn es um die Abgabe geht. Nach dem Marktgesetz, dass Seltenes auch kostbar ist, stechen vor diesem Hintergrund sichtbar analog entstandene Modelle bereits wieder aus der Masse heraus. Schon fast in Vergessenheit geratene Modellbautechniken und per Hand gezeichnete Ansichten erscheinen so besonders kreativ.
Doch tut es wirklich Not, durch besonders außergewöhnliche Modellbautechniken auffallen zu müssen, wenn das Modell eigentlich schon durch den besonders guten Entwurf, den es darstellt, auffallen sollte? Aus traditionellen und digitalen Techniken heraus sollten die für die Vermittlung der Entwurfsidee am meisten geeigneten Techniken ausgewählt werden, nicht die Techniken, zu denen man sich eventuell gezwungen fühlt.

Der Architekturstudent wird nicht grundsätzlich dümmer, weil er zukunftsorientierte Techniken erlernt. Er folgt einem generellen Trend in der Gesellschaft hin zur Digitalisierung, und wenn er mit ihr schneller und effizienter beeindruckendere Ergebnisse erzielen kann, macht ihn das vermutlich sogar schlauer. Dumm ist er meiner Meinung nur dann, wenn er nicht darüber reflektiert, ob eine Technik, nur weil sie neu ist, auch wirklich einen Vorteil mit sich bringt.

Kontext
Dieser Text ist im Rahmen der Schreibwerkstatt Thesaurus Architektur im Wintersemester 2018/19 am Institut gtas entstanden.

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