Architekturlehre, realitätsfern

von Kirsten Melles
Redaktion: Martin Peschken
06.11.2020

In der Lehre werden alle zu Stararchitekten. Tagtäglich werden imposante Bauten an den spannendsten Orten der Welt geplant, es ist kein lästiges Budget zu beachten, niemand fragt nach, wie nachhaltig die verwendeten Materialien sind oder wo sie herkommen, und solange die Konstruktion eine gewisse Standfestigkeit suggeriert, „passt das schon“. Wenn zu Gunsten der Ästhetik einmal die Funktionalität ein wenig leidet, ist das nicht weiter schlimm, Hauptsache die Pläne und Modelle sind schön anzusehen.
Währenddessen steht unsere Welt vor realen Problemen, die vom Mangel an bezahlbarem Wohnraum und rasant wachsenden Städten auf der einen Seite, Leerstand und Fragen nach dem Umgang mit Bestandsbauten auf der Anderen, bis hin zu Themen der Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit an veränderte Umwelteinflüsse reichen. Die Welt unterliegt schon immer konstanter Veränderung, jedoch hat sich die Gesellschaft in ihr wohl noch nie so rasant verändert wie heute. Aber auch der Planet selber ist im Wandel, mit seinem Klima und seinen Ressourcen, die er uns zum Leben zur Verfügung stellt. Diesem Wandel können sich auch Architekturschaffende nicht entziehen. Und warum sollten Sie auch? Die Architektur hat einen gewichtigen Anteil im Wandel von Gesellschaft und Umwelt, im Guten wie auch im Schlechten. Somit ist es hier, wo sie ihr volles Potential für den bestmöglichen Einfluss entfalten kann.

Dass Architektur nicht mehr nur Baukunst bedeutet, ist schon lange bekannt, und doch machen aktuelle Ereignisse in Politik und Gesellschaft immer wieder bewusst, wie weit das Aufgabenfeld der Architektur wirklich reicht. Wir haben uns der Gestaltung der gebauten Umwelt verschrieben, mit dem Menschen im Mittelpunkt. Ausgehend davon ergibt sich ein komplexes, weit gespanntes Netz, das Verknüpfungen in alle erdenklichen Bereiche des Lebens schafft. Dabei sind Arbeiten, Wohnen und Freizeit nur der Anfang. Dazu kommen zum Beispiel Bereiche der Fürsorge, Pflege und des Gemeinwohls, das Leben im öffentlichen Raum, und all die Zeiten und Räume, die zwischen diesen Bereichen liegen. In einer idealen Welt wäre es nun die Aufgabe der Architekturschaffenden, all diese Verbindungen zu entschlüsseln und daraus die bestmögliche Architektur zu kreieren.
Natürlich ist es unmöglich für Einzelne, das gesamte Netz zu überblicken, zumal es durch besagten Wandel ständig wächst und sich verändert. Trotzdem dürfen wir den Kampf nicht aufgeben, den Überblick zu erringen. Wir dürfen uns nicht in unserer Architekturblase verstecken, sondern sollten uns gerade der Thematiken annehmen, die scheinbar fern ab der Architektur existieren, jedoch mit dem Leben um, in und mit ihr zu tun haben. Dabei geht es darum die Stimmen Aller zu hören und auf sie einzugehen, sich nicht hinter einem Team von Expert/innen zu verstecken, das meint zu wissen, was der Mensch braucht, sondern Dialoge mit den wahren Expert/innen einzugehen, denen, die in und mit der Architektur leben, die wir schaffen. Darüber hinaus sollten wir uns auch unseres Einflusses auf die natürliche Umwelt und deren Bewohner bewusst sein. Schon lange können diese Welten, die natürliche und die der Menschen, nicht mehr klar voneinander getrennt werden und so ist es auch hier unsere Aufgabe, auf die Bedürfnisse Aller einzugehen, von der kleinen Pflanze bis hin zum großen Säugetier.

Hier ist es, wo die Lehre ins Spiel kommt, denn sie ist die Grundlage allen architektonischen Schaffens. Hier ist es, wo die Architektur ihren Ursprung findet und hier ist es auch, wo sie sich verändern kann. Mit jeder neuen Generation entsteht etwas Neues, entwickelt sich das Aufgabenfeld der Architektur weiter. Es stellt sich die Frage, was muss und was kann die Architekturlehre überhaupt leisten? Über die Jahrhunderte hinweg und in der ganzen Welt hat es dazu schon unzählige Antworten gegeben, die mit Sicherheit alle auf ihre Art und Weise ihre Berechtigung haben. Als Studentin bin ich jedoch bei weitem nicht in der Position, eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage zu finden, sollte es diese überhaupt geben. Ich kann mich nur auf meine eigenen Erfahrungen stützen.
Was ich in meiner Zeit als Studentin gelernt habe, erschien mir oft als nicht sehr viel, ist im Rückblick aber eine ganze Menge. Meine Perspektive auf die gebaute Umwelt hat sich verändert und wird sich auch weiterhin verändern. Mein Sinn für das Raumgefühl und die Atmosphäre eines Raums ist geschärft, ich habe gelernt abstrakt und konzeptuell zu arbeiten und befinde mich in einem fortlaufenden Prozess, eine eigene architektonische Haltung zu entwickeln. Ich habe viele öffentliche Gebäude mit spannendem Raumprogramm an den unterschiedlichsten Orten entworfen, aufwendige Modelle gebaut und viele Pläne erstellt, immer mit dem Ziel, ein klares Konzept zu vermitteln und ein ästhetisches Gesamtbild zu schaffen.

Der letzte Schritt im Rendering: noch schnell ein paar Menschen einfügen, immer leicht transparent, denn sie zeigen nur das, was sein könnte, sollen nicht zu sehr von der Architektur ablenken. Oder vielleicht gerade die Stellen verstecken, an denen die Architektur nicht den ästhetischen Ansprüchen gerecht wird. Der Mensch als Mittel zum Zweck, für ein gutes räumliches Konzept.
So scheint man als Student/in in der eigenen Idealwelt der Architektur zu leben. Abgekapselt von der Realität ist es einfach, sich von den Herausforderungen der wirklichen Räume und den Problemen der Welt, in die wir handelnd und gestaltend eingreifen, zu distanzieren und sich gegenüber der Rolle von Architektinnen und Architekten darin zu verschließen. Aber nehmen wir uns damit nicht auch eine unglaublich große Chance? Nämlich die, uns unseres Einflusses bewusst zu werden und diesen zu nutzen, um unseren Teil zur Problemlösung beizutragen?

Im Studium wird das Aufgabenfeld der Architektur oft auf ein Minimum reduziert. Hier verkümmern Architekturschaffende wieder zu Baukünstlern der vergangenen Jahrhunderte, Architekten als Planer von Prestigebauten, Entwerfer des Öffentlichen und Imposanten. Dabei kann Architektur so viel mehr, dass dieser extreme Fokus fast wie eine Beleidigung scheint. Eine Beleidigung deswegen, weil hier scheinbar das Vertrauen in die Fähigkeiten der Studierenden über die Baugestaltung hinaus fehlt, ihre Motivation und ihr Fassungsvermögen infrage gestellt werden, sich der Komplexität der Wirklichkeit zu widmen. Wo bleibt der Fortschritt in einem immer gleichbleibenden Repertoire an Entwurfsaufgaben, einem immer gleichen Raumprogramm, nur hier und da mal ein neuer Ort? Wo sonst, wenn nicht in der Lehre sollte es möglich sein, sich auszuprobieren, Einblicke zu bekommen in die verschiedensten Bereiche der Architektur und vielleicht sogar Wege zu finden, den Architekturbegriff noch zu erweitern?

Einige wenige Institute wagen den Schritt ins Ungewisse; Virtual Reality oder Robotik in der Architektur, der Stall der Zukunft, Stegreife zur Campusverbesserung, Hortitecture. So belegt man hier und da ein Seminar, um nebenbei ein wenig zu experimentieren. Aber am Ende des Tages kehrt dann doch jeder zurück an seinen Schreibtisch, um sich in gestalterischen Konzepten zu verlieren, ohne dabei viele Gedanken an Funktionalität und Nutzbarkeit zu verschwenden. Dieser intensive Fokus auf Gestalt und Ästhetik kann jedoch schnell dazu verleiten, die geplante Architektur mehr als ein künstlerisch erlebbares Objekt zu sehen und weniger als ein Gebäude, das klare Aufgaben zu erfüllen hat und dessen Funktionalität an erster Stelle stehen sollte. Dabei ist die heutige Struktur des Studiums wohl nicht ganz außer Acht zu lassen, denn sie bietet in einem fest vorgegebenen Rahmen wenig Freiraum zur Vertiefung in neue Bereiche.
In der Welt der Architekturlehre ist es einfach sich zu verlieren und ich glaube, das ist gut, bis zu einem gewissen Grad. Ein kreativer Kopf, frei von Einschränkungen, dem alles möglich erscheint, ist frei alles zu schaffen, neue Ansätze zu finden und gemeinsam mit Anderen vielleicht sogar bisher Undenkbares denkbar zu machen. Ab einem gewissen Punkt kann man sich jedoch nicht mehr verstecken. Dann gilt es die Blase der Architekturlehre zu durchbrechen und sich mit der realen Welt auseinanderzusetzen, den Geist zu erweitern, nicht das zuvor Erlernte zu durchstoßen und zu verändern, sondern zu ergänzen, es zu füttern, um aus der kreativen Traumwelt Einzelner gemeinsam den Weg in eine architektonische Realität zu finden. An diesem Punkt ist es die Aufgabe der Architekturlehrenden, den Studierenden den Dialog mit der Umwelt zu eröffnen.
Es gibt vielerlei Gründe dafür, dass die Architekturlehre fernab der Realität und des Berufsalltags agiert und existiert. Das mag in mancher Hinsicht positiv sein, denn zur Architektur gehört mehr, als nur das Erlernen von theoretischen Inhalten und mehr als die reine Auseinandersetzung mit so genannten faktischen Bedingungen. Vielmehr geht es um das Schulen des Geistes und der Kreativität, das Entwickeln eines Standpunkts, einer Haltung – auch einer gesellschaftlichen – und eines eigenen Stils. Natürlich kann die Architekturlehre nicht alles leisten, dazu ist das Feld der Architektur zu weitreichend, zu komplex, zu interdisziplinär. Trotzdem sollte der Mut der Lehrenden da sein, Neues auszuprobieren, alte Praktiken zu hinterfragen, neue zu erfinden und somit auch die Studierenden zu ermutigen, sich ins Ungewisse zu stürzen.

So wie Architekt/innen sich bewusst werden müssen, welches Potential sie besitzen, Wandel positiv zu beeinflussen, gilt es auch für Architekturlehrende, sich ihrer Rolle und Verantwortung bewusst zu werden und so die Möglichkeiten zu erfassen, die die Lehre mit sich bringt, um das Berufsbild von Architekturschaffenden zu beeinflussen, zu verändern, zu erweitern und neu zu erfinden. Dafür braucht es aber ein Neudenken und Überprüfen von Strukturen und etablierten Methoden und Praktiken. Den Lehrenden scheint es oftmals an Motivation zu fehlen, und somit fehlt auch der Mut der Lernenden, zu experimentieren und Neues auszuprobieren. Lehre sollte flexibel und dynamisch sein und den Veränderungen der Welt offen gegenübertreten.
Was ich mir von der Architekturlehre wünsche, sind Möglichkeiten und Raum für die Studierenden, über ihren Tellerrand hinaus schauen zu können, ihren Horizont beständig zu erweitern.
Zeigt uns, was Architektur schon alles kann, mit all ihren Facetten! Zeigt uns, was sie noch will, mit all ihren Versuchen und Experimenten, ob erfolgreich oder nicht! Zeigt uns, was Architektur könnte, mit all ihren Chancen und Möglichkeiten! Zeigt uns, wie wir und weitere Generationen neue Wege finden können, auch mit den Mitteln der Architektur die Welt zu verändern!

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