Architekturlehre, gestern–heute

von Götz Hinrichsen
Redaktion: Christian v. Wissel
20.02.2018

Seit nunmehr fünf Jahren beteilige ich mich an der Lehre des IDAS an der TU-Braunschweig. Als Pendler aus Berlin mit Teilzeitvertrag bin ich sicherlich ein typischer Vertreter aus dem Mittelbau des Department. Als Alleinstellungsmerkmal taugt da schon eher, dass meine eigene Studienzeit bereits gut 30 Jahre zurück liegt. Dies erlaubt es mir, das Architekturstudium damals und heute aus der Perspektive mindestens eines Generationenwechsels miteinander zu vergleichen.

Die Mauerstadt West-Berlin übte in den 1980er Jahren eine enorme Faszination auf westdeutsche Provinzler wie mich aus. Dass es um das Ansehen des Architekturstudiums an der TU Berlin damals nicht zum Besten stand, störte nicht nur nicht, sondern ermöglichte eher mäßig erfolgreichen Abiturienten wie mir den Zugang an die Uni. Die Kombination aus anarchisch-wilder Jugend-Subkultur und akademischer Randlage war bestens geeignet, meinen zunächst von relativer Unentschlossenheit geprägten beruflichen Werdegang zu ermöglichen. Von Ehrgeiz und Zielstrebigkeit war anfangs wenig erkennbar. Die Verführungen im außeruniversitären Dasein waren enorm und wollten gelebt werden.

Dennoch geschah schon bald etwas Unerwartetes. Ich verbrachte phasenweise ganze Tage und Nächte an der Uni, am Institut meines Vertrauens im Grundstudium. So nannte man damals die ersten beiden Studienjahre bis zum Vordiplom. Sie waren ähnlich verschult wie der heutige Bachelor, jedoch ohne berufsbildende Zertifizierung, sondern lediglich eine Hürde auf dem Weg zum Diplom.

Was war geschehen? Ich traf auf inspirierende Leute, Studierende und Lehrende. Eine durch Verunsicherung stimulierte Sensibilisierung von Geist und Seele setzte ein. Eine innere und äußere Verbundenheit zu dem was ich war, sein wollte und tat, stellte sich ein. Ich war entflammt, ergriffen, spürte Bedeutung. Mein Leben erkannte ein Motiv. Es war stark genug, um Mühen, Anstrengungen und Entbehrungen auf sich zu nehmen, die sich nicht einmal danach anfühlten. Ein Ideal, an dem ich all mein Handeln noch heute messe. Der akademische Geist als Selbsterfahrungstrip – mit beglückenden wie schmerzlichen Erkenntnissen. Sich am Studium berauschen oder alles hinschmeißen, dazwischen gab es nicht allzu viel. Sehe ich das bei den Studierenden heute genau so? Leider nein.

Natürlich ist die Perspektive, aus der ich dies heute betrachte, eine andere als sie es damals war. Heute betreue und begleite ich, damals steckte ich selber mitten drin. Und dennoch: Allenthalben, so mein Eindruck in den Korrekturen, hangeln und hieven sich die Studierenden teils nur durch. Im „Innern“ tut sich oft wenig, im „Außen“ wird mächtig aufgebauscht: Darstellen und Präsentieren gewinnen zunehmend an Bedeutung und nehmen den Blick von den Inhalten des Entwurfs.

An den Rändern der Studentenschar ist es natürlich anders. Am einen Rand zeigen sich heute wie damals Talent, Neugierde, Inspiration; am anderen dagegen Desinteresse, Uneignung, Leere. Die einen schaffen es ohne uns Lehrende, die anderen auch mit uns nicht. Ist es nicht eigentlich unsere Pflicht, Ihnen das so früh wie möglich zu sagen? Auch wenn das für uns Bildungsdienstleisterinnen und -dienstleister sicherlich nicht unproblematisch wäre.

Ich halte mich an einem Uni-Tag von ca. 9 bis 17 Uhr am Institut auf. Wenn keine Testate oder Exkursionen den Takt verändern, suchen mich in dieser Zeit im Schnitt ca. zehn Studierende auf, denen ich jeweils 30 bis 45 Minuten widme. Das sind Momente des Austauschs, die zumindest die Chance beinhalten, veränderte Perspektiven im Binnenverhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden zu befördern. Aber dem Vergleich mit der emotionalen Durchdringung von Hochschullehrenden und Studierenden in meiner Studienzeit hält das nicht stand. Wir teilten Euphorie und Verzweiflung, bei Unifesten, Besäufnissen, Kulturveranstaltungen und Museumsbesuchen. Mehrtägige Exkursionen verwischten die Grenzen bis ins Private und formten einen vielfach verwobenen, lebensnahen Hochschulkörper. Dieser bildete die Basis für jeglichen Wissenstransfer. Heute bedaure ich vor allem die Studierenden, ob der ausgedünnten Kontaktfläche zwischen Lehrenden und Lernenden.

Woran liegt es? Das viele Pendeln (nicht nur der Lehrenden sondern auch eines Teils der Studierenden), die auf 50 oder sogar 25 Prozent reduzierten Arbeitsverträge und die kurzen Vertragslaufzeiten vieler Kolleginnen und Kollegen sind sicherlich nicht hilfreich. Aber auch der unbegrenzte Zugang zu Informationen im digitalen Zeitalter verdrängt die Suche nach persönlichem Kontakt zu den Quellen von Erfahrungen und damit auch die emotionale Berührtheit. Zudem fördert die Besonderheit der Braunschweiger Zeichensaalkultur mit ihren dezentralen Standorten geradezu die Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden – auch wenn sie im Gegenzug zu einer intensiven Auseinandersetzung der Studierenden unter-, mit- und gegeneinander führt und so zu kritischer Solidarität (innerhalb der Zeichensaalfamilien) anregt.

Leicht ist also zu erkennen, dass sich Verluste und Gewinne der einen wie der anderen Studienkultur nicht gegeneinander aufwiegen lassen. Was bleibt, ist die Feststellung von Unterschieden; sowie der Wunsch, diese zu reflektieren. Diese sind nämlich nicht immer von der gleichen Qualität. Wie steht es zum Beispiel um den Generationskonflikt, wenn wir auf das Thema der CAD-Anwendungen zu sprechen kommen? Klafft da nicht eine Lücke zwischen dem alten Wissen der Lehrenden und den überlegenen Fähigkeiten der Lernenden? Insofern steht der Pessimismus der Alten immer auch im Verhältnis zu deren Überforderung mit den Errungenschaften des Neuen. Schleichender Autoritätsverlust und damit einhergehend verändertes Machtgebaren verunsichern das akademische Binnenverhältnis der Protagonisten. Aber könnte sich nicht genau daran neue Leidenschaft entflammen? Denn ich vertraue auf die Anpassungsfähigkeit der Menschheit, in der sich jede Generation entwickeln und neu erfinden darf.

7 Kommentare

  1. Sven

    Ein interessanter und spannender Beitrag!

    Ich teile die Beobachtungen des Autors bezüglich der Zusammensetzung der sog. Studentenschar. Daher ist es sicherlich eine große Aufgabe im Alltag eines Lehrenden des Departement Architektur die uns anvertrauten Studierenden zu begeistern, zu fördern und eine innere und äußere Verbundenheit zudem was sie sein wollen zu entflammen. Das gelingt mit großer Sicherheit am oberen Rand und auch bei einem Großteil der übrigen Studierenden mehr oder weniger leicht.

    Die Frage nach dem Umgang mit dem sog. unteren Rand ist eigentlich einfach und unproblematisch zu beantworten. Ich teile hier die Bedenken nicht, denn es ist doch ebenso eine Aufgabe und Pflicht des Lehrkörpers Leistungen in allen Phasen des Curriculums, die aufgrund von erheblichen Mängeln den Anforderungen nicht genügen, nach §12 der APO mit einer entsprechenden Note zu bewerten.

    Das subjektive Erinnern in die rosige Vergangenheit und das nostalgische Abschweifen ist legitim und sei jedem gestattet. Vermutlich trägt es sogar zum gegenseitigen Verständnis bei. Auch ich erinnere mich gern an Veranstaltungen wie beispielsweise den kleinen geselligen Umtrunk zur Verabschiedung von Herrn Prof. Szyszkowitz zurück, dem ich als Student der TU Braunschweig beiwohnen durfte. Doch ist es wirklich hilfreich die gegenwärtigen Aufgaben und Fragen über einen subjektiven Blick in die Vergangenheit zu vermessen? Dient nicht vielmehr der Blick auf unsere gemeinsame Gegenwart als ein Ausgangspunkt für eine konstruktive Bestandsaufnahme? Ich denke, dass nur so glaubhaft und zielstrebig ein Dialog über die Architekturlehre des Fachbereichs entstehen kann.

    Ich möchte den leidenschaftlichen Ausführungen zur Studienkultur ein wichtiges Zitat aus den letzten drei Jahrbüchern des Departement Architektur (erschienen 2009, 2011 und 2014) anfügen, da es mein ganz persönliches Früher zusammenfasst und die im Artikel niedergeschriebenen Passagen ergänzen muss. Wir sollten uns stets die vorhandenen Qualitäten vergegenwärtigen und auf diesen aufbauen. Die Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden auf eine dezentrale Ausrichtung der Zeichensäle zurückzuführen erscheint mir beinahe irreführend und wird dem hohen Wert von unabhängigen, selbstverwalteten und gemischt besetzten Zeichensälen für die Lehre des Departement nicht gerecht. Weiter empfehle ich in diesem Zusammenhang die übrigen Textpassagen der letzten Jahrbücher zum Thema Aktivitäten.

    „Eine Besonderheit des Braunschweiger Architekturstudiums sind die Zeichensäle. (…), die ganz wesentlich die Qualität des Braunschweiger Architekturstudiums mitbestimmen. Die Stärke Zeichensäle liegt in der gegenseitigen Hilfe und Korrektur der Studierenden bei Entwürfen und Übungen, aber auch im gemeinschaftlichen Miteinander in arbeitsreichen Phasen, in den Nächten und an den Wochenenden. Im Idealfall entfaltet sich hier eine kreative Atmosphäre, geprägt durch gegenseitige Hilfe und konstruktive Kritik. Die Anregung und der Austausch von Ideen mit den Kommilitonen ist eine der besten Erfahrungen im Studium und ergänzt die Lehre von Professoren und Mitarbeitern. Die Vergabe von Arbeitsplätzen wird durch die gemeinschaftliche Selbstverwaltung der Studierenden zu Anfang eines jeden Semesters geregelt. (…)“

  2. Niloufar

    Ich kann dem nur beipflichten, die Zeichensäle sind enorm wichtig für die Entwicklung kooperativer Arbeitsprozesse und der Stärkung der Selbstverwaltung – beides für die Architekt_innenausbildung enorm wertvoll… Ich glaube aber auch, dass die Kooperation und die Beziehungen zwischen Lehrenden, v.a. WiMis und Studierenden wichtig ist. Ich selbst bin Pendlerin und sehe auch darin einen Grund, warum eine stärkere Kooperation zwischen Studierenden und Lehrenden nicht zustande kommt. Im Prinzip hört das Lernen über Architektur nie auf – auch Lehrende können viel durch den Austausch mit Studierenden lernen…

  3. Christian

    Sehr interessiert folgte auch ich Ihren Ausführungen zum Thema der Architekturlehre gestern-heute.
    Da ich selbst, als Student des Architektur-Masters, zumindest indirekt von Ihren Aussagen zur heutigen Situation betroffen bin, möchte ich die Gelegenheit nutzen und die von mir gemachten Erfahrungen ebenso zur Diskussion stellen.
    Wie auch immer das Diplomstudium in den 1980er Jahren ausgesehen hat, fällt es mir schwer Ihre Aussagen zum Thema der fehlenden Hingabe und Motivation der heutigen Studenten nachzuvollziehen. Sicherlich gibt es einen gewissen Studierenden-Anteil, für den maximaler Output bei minimalstem Input das höchste aller Ziele ist. Ich behaupte an dieser Stelle aber, dass es diese Art von Studierenden auch schon zur damaligen Zeit gab und auch immer geben wird.

    Was ich allerdings in unterschiedlichsten Gesprächen und auch in meinem Zeichensaal mitbekomme ist eine hohe Identifikation mit der Architektur in all´ ihren Facetten. Egal zu welcher Zeit man den Zeichensaal betritt, irgendwo brennt immer Licht und das nicht nur, um im Photoshop die inhaltslosen Räume zu texturieren.
    Die Frage die sich folglich aufdrängt ist, warum es dieser „Hunger“ und die Hingabe zu den unterschiedlichsten Projekten nicht bis in die Institute und an den Korrekturtisch schafft?

    Während es in den ersten Studienjahren sicherlich hauptsächlich um die Vermittlung von Grundlagen im Gespräch zwischen Lehrenden und Lernenden geht, werden die Fragestellungen mit zunehmender Dauer des Studiums auf beiden Seiten komplexer. Die Tatsache, dass man dann über eine wöchentlich stattfindende, 20- bis 30 minütige Korrektur hinaus seinen Dozenten nur selten in den Instituten und noch seltener auf dem Campus zu Gesicht bekommt, kann meiner Meinung nach nur dazu führen, das meist nur ein oberflächliches Verhältnis und somit eine geringe oder zumindest begrenzte Vertrauensbasis entsteht.

    Das es aber auch zu der von Ihnen gewünschten Verwebung kommen kann, erlebte ich kürzlich selbst, als man nach monatelanger Arbeit am Projekt neben Gesprächen über das Architekturverständnis und den eigenen Entwurf auch die Zeit fand, sich über persönliches zu unterhalten und dabei seinen (architektonischen) Geist auf einer ganz anderen Ebene erweitern konnte. Hierzu brauchte es allerdings eine Exkursion und einem „neutralen“ Raum zur Entfaltung…

  4. Franziska Tusch

    Zuerst möchte ich sagen, dass ich sehr froh bin, dass das Thema angesprochen wurde. So gibt es endlich Raum für eine offensichtlich notwendigen Diskussion. Ich stimme Herrn Hinrichsen grundsätzlich zu. Auch ich als Architekturstudentin der TU Braunschweig sehe die Probleme, jedoch liegen die Ursachen meiner Meinung nach woanders.

    Das Kernproblem meiner Generation sehe ich vor allem in den Massen der Studierenden. Die Jahrgänge sind aktuell viel zu voll um überhaupt noch eine reibungslose Lehre zu generieren, geschweige denn etwas darüber hinaus. Die Institute sind mit den Mengen an Studenten_innen überfordert, individuelle Betreuung ist unter diesen Umständen kaum noch möglich.
    Noch weniger Zeit als die wissenschaftlichen Mitarbeiter, haben die Professoren_innen. Kaum mehr als fünf Minuten bleiben pro Testat, für ein Schlusswort ist dann meist schon keine Zeit mehr, denn der Flieger nach Berlin geht noch heute.
    Hat man sich einmal an einen Mitarbeiter gewöhnt, ist auch schon der neue Arbeitsvertrag unterschrieben.

    Die fehlende Zeit führt zu fehlender Gelassenheit – sowohl bei den Lehrenden, als auch bei den Studierenden. Das Semester ist so voll gepackt mit Terminen, dass ein „Reifen“ des eigenen Entwurfs kaum möglich ist. Um überhaupt eine tiefere Beschäftigung und daraus folgenden Begeisterung für ein Themengebiet zu entwickeln, fehlt schlichtweg ein zeitlicher Rahmen dafür. Die Regelstudienzeit des Bachelors ist für den Großteil von uns nicht schaffbar. Leistungs- und Zeitdruck führen zu Überforderung der Studierenden. Das Studium wird nicht mehr als Lebensaufgabe gesehen, sondern ist ein Punkt auf einer langen Liste, die es abzuarbeiten gilt. Der Konkurrenzdruck unter den Kommilitonen im Studium, der bewusst vom Lehrstuhl in Form von regelmäßigen „Best-of´s“ provoziert wird, stellt eine zusätzliche Belastung dar. Modelle sollen mit neuster Technik immer noch schöner, aufwendiger und teurer werden – um dann am Ende in den Müll zu wandern.

    Wer uns diesen Druck macht? Vielleicht die Studierenden selbst. Vielleicht der Lehrstuhl. Vielleicht auch der aktuelle Markt, der nichts anderes mehr zulässt. Genauso schwer ist es zu sagen bei wem der Fehler liegt. Ist es unser Bildungssystem? Der Bolonga-Prozess? Oder liegt das Problem ganz woanders? Sichtlich ist kaum etwas isoliert zu betrachten und es ist schwer die aktuellen Entwicklungen einzig und allein in diesen kleinen Rahmen der Universität zu begreifen.

    Woraus ich trotzdem meine Motivation für dieses Studium ziehe? Manchmal schaffen es die Professoren oder Dozenten in einer Vorlesung – in der man dann auf den Boden sitzt, weil es zu wenig Plätze gibt – einen Punkt zu treffen, der einem zum Nachdenken anregt. In der restlichen Zeit dienen die Zeichensäle als größte Inspirations- und Motivationsquelle, die ich kennenlernen durfte. Sie als Ursache für einen Qualitätsverlust zu nennen, sehe ich als Widerspruch in sich. Ich habe ebenfalls nächtelang im Zeichensaal verbracht, so wie viele Kommilitonen mit mir. Ich kann zwar keinen Vergleich ziehen – ich war vor 30 Jahren nicht mal auf der Welt – ich glaube aber, dass es kaum ein Studienfach gibt, was mehr Leidenschaft und Aufopferung mit sich bringt wie Architektur – damals wie heute.

    Der Generationswechsel bringt Veränderungen mit sich, und selbstverständlich auch neue Probleme, die gelöst werden wollen. Auch wenn ich das Schwelgen in Erinnerungen nachvollziehen kann, fordert dieser neue Zeitgeist vielleicht auch, dass man die „früher war alles besser“- Philosophie ad acta legt und stattdessen gemeinsam neue Wege findet.

  5. Albert Fuster

    Ihre Ausführungen zu ihrer Studentenzeit, schwelgend in der „anarchisch-wilden Jugend-Subkultur“ der westberliner Insel, vermitteln anschaulich ihre Ergriffenheit und Begeisterung für die Architektur. Gerade bei LeserInnen, die derzeit ihre eigene Studentenzeit durchwandern stößt ihre Einleitung auf Resonanz, man möchte sich mit ihren Worten identifizieren können.

    Sie schreiten voran, um gestützt auf ihren Erfahrungen als Mitarbeiter des IDAS Kritik an der digitalisierten Generation der heutigen Studierenden zu üben, in Punkten berechtigt, doch vermisst man in ihrer Kritik eine Kontextualisierung der heutigen Jugend in Bezug auf den Zeitgeist und auch die städtischen Rahmenbedingungen, wie Sie eine für die ihrige bereitstellen.

    Wer sind die Studenten von heute? Im vorangegangen Kommentar wurde bereits von der Masse der Studierenden gesprochen. Eine Masse, die nicht nur das Architekturdepartment der TU bewältigen muss. Vergleicht man die Abiturientenquoten der 80er – 22% – mit den heutigen Zahlen – 53% (Stand 2015) – wird klar, dass wesentlich mehr Schüler heutzutage die Hochschulreife erwerben. Die Pforten der Universitäten wurden ausgehebelt. Die Erwartungshaltung der Eltern, die eine Zukunft, eine Karriere ihrer Zöglinge über den Bildungsweg an den Universitäten sehen. Der Weg zum Studentendasein unterlag in den letzten Jahrzehnten einer immensen Beschleunigung, die G8-Reform, das Wegfallen des Puffers durch Wehrpflicht und Zivilarbeit befördert die Studenten von heute innerhalb eines Sommers von der Schulbank in die überfüllten Vorlesungssäle. Abzulesen ist dieser Prozess am Durchschnittsalter der heutigen Studienanfängern, der bereits seit 1995 um 1,2 Jahre auf 21,3 Jahren (Stand 2017) gefallen ist.

    Dabei ist die Phase zwischen Uni und Schule essenziell für den Reifungsprozess junger Menschen. Der Austritt aus dem Behüteten ist eine Anforderung für sich. Mit Erfahrung im Umgang als mündiges Mitglied der Gesellschaft ist es weitaus leichter, seinen Platz, die eigene Projektionslinie zu erkennen. Es sei denn, man hat einen Traum.

    Träume sind wahrscheinlich die Vorstufe des von Ihnen beschriebenen „Motivs“ oder Bestimmung. Bei denen, die bereits während der Schulzeit eine klare Vorstellung ihres zukünftigen Tuns entwickeln, ist bereits früh eine Auseinandersetzung mit dem Fach zu erwarten. Es wird gezeichnet, gelesen, aufmerksam wahrgenommen und experimentiert. Aus dem Dialog mit KommilitonInnen aus meinem Semester zu Beginn unserer Studienzeit konnte ich bei wenigen eine solche Vorbestimmung erkennen. Wo sind diejenigen mit ihren Träumen? Die Träumer hatten zum Zeitpunkt ihrer Bewerbung bereits Mappen mit Arbeitsstudien und entsendeten diese als Bewerbung an Universitäten, die eine solche forderten, der AbK, der UdK, mit dem Verlangen sich bereits profilieren zu wollen, auf der Suche nach einer Bestätigung, die ihnen sagt: Hier bist du richtig.

    Und dennoch: die TU bildet Jahr für Jahr gute, gefragte Studenten aus, die mit ihresgleichen von den Traumuniversitäten mithalten können. Wie kommt’s? In meinen Augen wirkt es wie ein zweistufiger Raffinationsprozess, in den ersten Semestern durch hohe Anforderungen und Prüfung einer hohen Frustrationstoleranz zu vermitteln, dass dieses Studium entweder mit Passion bestritten oder als Tortur empfunden werden wird. In den ersten 3 Semester schrumpft somit die Anzahl der Studierenden eines Jahrgangs. Das zweite Sieb stellen die Zeichensäle dar. Keinen Platz zu haben gleicht einer systematischen Benachteiligung. Einen Platz zu haben ermöglicht wiederum ein Heranreifen in einem produktiven ‚Biotop‘, in dem Privatleben und Studium miteinander verschmelzen. Hier ist das Träumen einfacher.

  6. Kirsten Melles

    Zunächst möchte ich mich für diesen wichtigen Beitrag zum Diskurs der Architekturlehre bedanken. Mit den geschilderten Erfahrungen aus dem eigenen Studium können sich sicherlich auch heute noch ein großer Teil der Architekturstudierenden identifizieren, denn das Architekturstudium fordert ein außergewöhnlich hohes Maß an Hingabe. Ich glaube auch, dass diese Hingabe heutzutage nicht minder ausgeprägt ist, als sie es in den 1980er Jahren war.
    Der Beitrag zeigt in seiner eigenen Argumentation, wie wichtig hier beide Perspektiven sind, sowohl die der Lehrenden, als auch die der Lernenden. Die beschriebene Distanz zwischen den beiden Gruppen ist nicht von der Hand zu weisen. Als maßgebenden Faktor sehe ich hier die zeitliche Komponente.
    Die einmal wöchentlich stattfindenden Korrekturen unterliegen meist einem strikten Zeitplan, der eigentlich immer im Verzug ist. Und dann ist es dem Studierenden überlassen, alle Gedanken und Überlegungen der vergangenen Woche auf das Kleinste zu reduzieren, um im gegebenen Zeitrahmen alle anfallenden Themen zu besprechen. Dabei ist auch der im Text angedeutete Generationskonflikt in Bezug auf das digitale Arbeiten nicht außer Acht zu lassen. So bleibt der Laptop mit dem aufwendig konstruierten 3D Modell in der Tasche, um stattdessen die unter weiterem Zeitaufwand erstellten und ausgedruckten 2D Zeichnungen vorzulegen, die dann kurz nach der Korrektur im Müll landen. Wöchentlich wird so der Entwurfsprozess unterbrochen, um in einer präsentationsähnlichen Situation Ergebnisse vorzulegen.
    Im Gegensatz dazu habe ich bei einem meiner Masterentwürfe die Erfahrung des sogenannten „Sweatshops“ gemacht, bei dem Studierende ihre Arbeit für einige Stunden vom Zeichensaal in den institutsseigenen Seminarraum verlegten, um im kontinuierlichen und intensiven Austausch mit den Tutoren an ihren Projekten weiterzuarbeiten. So konnten Ideen aktiv im CAD-Programm ausgetestet und sofort überprüft werden.
    Darüber hinaus ist natürlich nicht außer Acht zu lassen, dass im Wintersemester 2018/19 knapp 1.100 Architekturstudierende an der TU Braunschweig studierten. Bei so hohen Studierendenzahlen ist es fast unmöglich, verteilt über die verschiedenen Institute, zu jedem Einzelnen eine persönliche Bindung aufzubauen.
    Letztendlich ist aber auch vieles auf die Architektur zurückzuführen. Die dezentrale Verteilung der Zeichensäle und dem gegenüber die kompakte Stapelung der Entwurfsinstitute im Okerhochhaus (der „Scheibe“) bieten wenige Möglichkeiten für Begegnungsräume zwischen Studierenden und Lehrenden.
    Nun bleibt uns nicht viel übrig, als die baulichen Gegebenheiten hinzunehmen, jedoch haben wir die Möglichkeit Lehrmethoden zu überprüfen, zu erproben und sie stets weiterzuentwickeln, um somit ein produktives, beidseitig lehrreiches und kreatives Zusammenarbeiten zwischen Lehrenden und Studierenden zu generieren.

  7. Vanessa

    Auch ich kann mich dem Beitrag und den vorangegangenen Kommentaren nur anschließen. Ich betrachte diesen Beitrag zur Entwicklung der Architekturlehre als interessant und wichtig, da er, besonders in der aktuellen Situation, zum Nachdenken und Reflektieren der eigenen Einstellung zur Lehre anregt. Ich sehe das Online-Semester (Sommersemester 2020) gewissermaßen als Probe der im Beitrag genannten Thesen (z.B. zur Distanz zum Lehrstuhl im Architekturstudium).

    Momentan stellt das Semester für alle Lehrenden und Studierenden eine außergewöhnliche Situation dar, da sich die gesamte Lehre aufgrund der Corona-Pandemie in den virtuellen Raum verschoben hat. Dieser erzwungene und beschleunigte Prozess der Digitalisierung bringt viele verschiedene Vor- und Nachteile mit sich, die kritisch diskutiert werden sollten. Die bereits angesprochenen Probleme, wie die große Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden, so wie der Mangel an genügend Platz in den universitären Arbeitsräumen, verschärfen sich aktuell noch stärker.

    Ich kann Franziska Tusch besonders in dem allgemeinen Problem der zu großen Massen an Studierenden, welche jährlich im Studiengang Architektur aufgenommen werden, nur zustimmen. Die Menge an Studierenden und Entwürfen, die ein Lehrender jedes Semester betreuen muss, ist nach wie vor enorm. Da ist es gewissermaßen verständlich, dass sich dort kaum persönliche und emotionale Bindungen innerhalb eines Semesters aufbauen können. Eine weitere Folge der großen Masse ist der Mangel an ausreichend Zeichensaalplätzen. Diese Probleme wurden allerdings bereits in den vorangegangen Kommentaren ausführlich diskutiert und im Beitrag von Götz Hinrichsen aus der Perspektive eines Lehrenden nachvollziehbar reflektiert.

    Aber was, wenn diese bereits vorhandenen Probleme nun durch kurzfristige Einschränkungen weiter verschärft werden? Aktuell ist das Studium kaum noch ortsgebunden (was den angesprochen Pendlern möglicherweise zunächst eher entgegenkommt). Korrekturen und Testate finden ausschließlich in virtuellen Räumen über Web-Konferenzen statt. Über den Laptop aus dem eigenen Wohnzimmer tief in das Innere eines Entwurfs einzusteigen, fällt aktuell besonders schwer. Die wachsende Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden wird stark beschleunigt und stört den so wichtigen Austausch unter den Studierenden im Zeichensaal oder ähnlichen Räumlichkeiten.

    Was für Veränderungen bringen diese Einschränkungen? Müssen wir noch anpassungsfähiger werden und kompensieren die übergroße Distanz in Zukunft in anderer Form? Was wird aus den Räumen, in denen diskutiert und gearbeitet wird? Schätzen wir diese und den allgemeinen Praxisbezug unseres Studiums viel mehr, so dass wir wieder zurück zu einer tieferen Durchdringung und einem emotionaleren Austausch über die verschiedenen Entwürfe kommen? All diese Fragen lassen sich wahrscheinlich erst im Laufe der nächsten Jahre wirklich beantworten. Dann wird es eine weitere Generation geben, die reflektiert auf die aktuellen Veränderungen des Studiums zurück schaut. Ich denke, dass Chancen und Probleme gleichermaßen vorhanden sind und hoffe, dass jeder seine eigenen Erkenntnisse aus diesem Prozess zieht.

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