Architekturlehre, gestern–heute

von Götz Hinrichsen
Redaktion: Christian v. Wissel
20.02.2018

Seit nunmehr fünf Jahren beteilige ich mich an der Lehre des IDAS an der TU-Braunschweig. Als Pendler aus Berlin mit Teilzeitvertrag bin ich sicherlich ein typischer Vertreter aus dem Mittelbau des Department. Als Alleinstellungsmerkmal taugt da schon eher, dass meine eigene Studienzeit bereits gut 30 Jahre zurück liegt. Dies erlaubt es mir, das Architekturstudium damals und heute aus der Perspektive mindestens eines Generationenwechsels miteinander zu vergleichen.

Die Mauerstadt West-Berlin übte in den 1980er Jahren eine enorme Faszination auf westdeutsche Provinzler wie mich aus. Dass es um das Ansehen des Architekturstudiums an der TU Berlin damals nicht zum Besten stand, störte nicht nur nicht, sondern ermöglichte eher mäßig erfolgreichen Abiturienten wie mir den Zugang an die Uni. Die Kombination aus anarchisch-wilder Jugend-Subkultur und akademischer Randlage war bestens geeignet, meinen zunächst von relativer Unentschlossenheit geprägten beruflichen Werdegang zu ermöglichen. Von Ehrgeiz und Zielstrebigkeit war anfangs wenig erkennbar. Die Verführungen im außeruniversitären Dasein waren enorm und wollten gelebt werden.

Dennoch geschah schon bald etwas Unerwartetes. Ich verbrachte phasenweise ganze Tage und Nächte an der Uni, am Institut meines Vertrauens im Grundstudium. So nannte man damals die ersten beiden Studienjahre bis zum Vordiplom. Sie waren ähnlich verschult wie der heutige Bachelor, jedoch ohne berufsbildende Zertifizierung, sondern lediglich eine Hürde auf dem Weg zum Diplom.

Was war geschehen? Ich traf auf inspirierende Leute, Studierende und Lehrende. Eine durch Verunsicherung stimulierte Sensibilisierung von Geist und Seele setzte ein. Eine innere und äußere Verbundenheit zu dem was ich war, sein wollte und tat, stellte sich ein. Ich war entflammt, ergriffen, spürte Bedeutung. Mein Leben erkannte ein Motiv. Es war stark genug, um Mühen, Anstrengungen und Entbehrungen auf sich zu nehmen, die sich nicht einmal danach anfühlten. Ein Ideal, an dem ich all mein Handeln noch heute messe. Der akademische Geist als Selbsterfahrungstrip – mit beglückenden wie schmerzlichen Erkenntnissen. Sich am Studium berauschen oder alles hinschmeißen, dazwischen gab es nicht allzu viel. Sehe ich das bei den Studierenden heute genau so? Leider nein.

Natürlich ist die Perspektive, aus der ich dies heute betrachte, eine andere als sie es damals war. Heute betreue und begleite ich, damals steckte ich selber mitten drin. Und dennoch: Allenthalben, so mein Eindruck in den Korrekturen, hangeln und hieven sich die Studierenden teils nur durch. Im „Innern“ tut sich oft wenig, im „Außen“ wird mächtig aufgebauscht: Darstellen und Präsentieren gewinnen zunehmend an Bedeutung und nehmen den Blick von den Inhalten des Entwurfs.

An den Rändern der Studentenschar ist es natürlich anders. Am einen Rand zeigen sich heute wie damals Talent, Neugierde, Inspiration; am anderen dagegen Desinteresse, Uneignung, Leere. Die einen schaffen es ohne uns Lehrende, die anderen auch mit uns nicht. Ist es nicht eigentlich unsere Pflicht, Ihnen das so früh wie möglich zu sagen? Auch wenn das für uns Bildungsdienstleisterinnen und -dienstleister sicherlich nicht unproblematisch wäre.

Ich halte mich an einem Uni-Tag von ca. 9 bis 17 Uhr am Institut auf. Wenn keine Testate oder Exkursionen den Takt verändern, suchen mich in dieser Zeit im Schnitt ca. zehn Studierende auf, denen ich jeweils 30 bis 45 Minuten widme. Das sind Momente des Austauschs, die zumindest die Chance beinhalten, veränderte Perspektiven im Binnenverhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden zu befördern. Aber dem Vergleich mit der emotionalen Durchdringung von Hochschullehrenden und Studierenden in meiner Studienzeit hält das nicht stand. Wir teilten Euphorie und Verzweiflung, bei Unifesten, Besäufnissen, Kulturveranstaltungen und Museumsbesuchen. Mehrtägige Exkursionen verwischten die Grenzen bis ins Private und formten einen vielfach verwobenen, lebensnahen Hochschulkörper. Dieser bildete die Basis für jeglichen Wissenstransfer. Heute bedaure ich vor allem die Studierenden, ob der ausgedünnten Kontaktfläche zwischen Lehrenden und Lernenden.

Woran liegt es? Das viele Pendeln (nicht nur der Lehrenden sondern auch eines Teils der Studierenden), die auf 50 oder sogar 25 Prozent reduzierten Arbeitsverträge und die kurzen Vertragslaufzeiten vieler Kolleginnen und Kollegen sind sicherlich nicht hilfreich. Aber auch der unbegrenzte Zugang zu Informationen im digitalen Zeitalter verdrängt die Suche nach persönlichem Kontakt zu den Quellen von Erfahrungen und damit auch die emotionale Berührtheit. Zudem fördert die Besonderheit der Braunschweiger Zeichensaalkultur mit ihren dezentralen Standorten geradezu die Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden – auch wenn sie im Gegenzug zu einer intensiven Auseinandersetzung der Studierenden unter-, mit- und gegeneinander führt und so zu kritischer Solidarität (innerhalb der Zeichensaalfamilien) anregt.

Leicht ist also zu erkennen, dass sich Verluste und Gewinne der einen wie der anderen Studienkultur nicht gegeneinander aufwiegen lassen. Was bleibt, ist die Feststellung von Unterschieden; sowie der Wunsch, diese zu reflektieren. Diese sind nämlich nicht immer von der gleichen Qualität. Wie steht es zum Beispiel um den Generationskonflikt, wenn wir auf das Thema der CAD-Anwendungen zu sprechen kommen? Klafft da nicht eine Lücke zwischen dem alten Wissen der Lehrenden und den überlegenen Fähigkeiten der Lernenden? Insofern steht der Pessimismus der Alten immer auch im Verhältnis zu deren Überforderung mit den Errungenschaften des Neuen. Schleichender Autoritätsverlust und damit einhergehend verändertes Machtgebaren verunsichern das akademische Binnenverhältnis der Protagonisten. Aber könnte sich nicht genau daran neue Leidenschaft entflammen? Denn ich vertraue auf die Anpassungsfähigkeit der Menschheit, in der sich jede Generation entwickeln und neu erfinden darf.

3 Kommentare

  1. Sven

    Ein interessanter und spannender Beitrag!

    Ich teile die Beobachtungen des Autors bezüglich der Zusammensetzung der sog. Studentenschar. Daher ist es sicherlich eine große Aufgabe im Alltag eines Lehrenden des Departement Architektur die uns anvertrauten Studierenden zu begeistern, zu fördern und eine innere und äußere Verbundenheit zudem was sie sein wollen zu entflammen. Das gelingt mit großer Sicherheit am oberen Rand und auch bei einem Großteil der übrigen Studierenden mehr oder weniger leicht.

    Die Frage nach dem Umgang mit dem sog. unteren Rand ist eigentlich einfach und unproblematisch zu beantworten. Ich teile hier die Bedenken nicht, denn es ist doch ebenso eine Aufgabe und Pflicht des Lehrkörpers Leistungen in allen Phasen des Curriculums, die aufgrund von erheblichen Mängeln den Anforderungen nicht genügen, nach §12 der APO mit einer entsprechenden Note zu bewerten.

    Das subjektive Erinnern in die rosige Vergangenheit und das nostalgische Abschweifen ist legitim und sei jedem gestattet. Vermutlich trägt es sogar zum gegenseitigen Verständnis bei. Auch ich erinnere mich gern an Veranstaltungen wie beispielsweise den kleinen geselligen Umtrunk zur Verabschiedung von Herrn Prof. Szyszkowitz zurück, dem ich als Student der TU Braunschweig beiwohnen durfte. Doch ist es wirklich hilfreich die gegenwärtigen Aufgaben und Fragen über einen subjektiven Blick in die Vergangenheit zu vermessen? Dient nicht vielmehr der Blick auf unsere gemeinsame Gegenwart als ein Ausgangspunkt für eine konstruktive Bestandsaufnahme? Ich denke, dass nur so glaubhaft und zielstrebig ein Dialog über die Architekturlehre des Fachbereichs entstehen kann.

    Ich möchte den leidenschaftlichen Ausführungen zur Studienkultur ein wichtiges Zitat aus den letzten drei Jahrbüchern des Departement Architektur (erschienen 2009, 2011 und 2014) anfügen, da es mein ganz persönliches Früher zusammenfasst und die im Artikel niedergeschriebenen Passagen ergänzen muss. Wir sollten uns stets die vorhandenen Qualitäten vergegenwärtigen und auf diesen aufbauen. Die Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden auf eine dezentrale Ausrichtung der Zeichensäle zurückzuführen erscheint mir beinahe irreführend und wird dem hohen Wert von unabhängigen, selbstverwalteten und gemischt besetzten Zeichensälen für die Lehre des Departement nicht gerecht. Weiter empfehle ich in diesem Zusammenhang die übrigen Textpassagen der letzten Jahrbücher zum Thema Aktivitäten.

    „Eine Besonderheit des Braunschweiger Architekturstudiums sind die Zeichensäle. (…), die ganz wesentlich die Qualität des Braunschweiger Architekturstudiums mitbestimmen. Die Stärke Zeichensäle liegt in der gegenseitigen Hilfe und Korrektur der Studierenden bei Entwürfen und Übungen, aber auch im gemeinschaftlichen Miteinander in arbeitsreichen Phasen, in den Nächten und an den Wochenenden. Im Idealfall entfaltet sich hier eine kreative Atmosphäre, geprägt durch gegenseitige Hilfe und konstruktive Kritik. Die Anregung und der Austausch von Ideen mit den Kommilitonen ist eine der besten Erfahrungen im Studium und ergänzt die Lehre von Professoren und Mitarbeitern. Die Vergabe von Arbeitsplätzen wird durch die gemeinschaftliche Selbstverwaltung der Studierenden zu Anfang eines jeden Semesters geregelt. (…)“

  2. Niloufar

    Ich kann dem nur beipflichten, die Zeichensäle sind enorm wichtig für die Entwicklung kooperativer Arbeitsprozesse und der Stärkung der Selbstverwaltung – beides für die Architekt_innenausbildung enorm wertvoll… Ich glaube aber auch, dass die Kooperation und die Beziehungen zwischen Lehrenden, v.a. WiMis und Studierenden wichtig ist. Ich selbst bin Pendlerin und sehe auch darin einen Grund, warum eine stärkere Kooperation zwischen Studierenden und Lehrenden nicht zustande kommt. Im Prinzip hört das Lernen über Architektur nie auf – auch Lehrende können viel durch den Austausch mit Studierenden lernen…

  3. Christian

    Sehr interessiert folgte auch ich Ihren Ausführungen zum Thema der Architekturlehre gestern-heute.
    Da ich selbst, als Student des Architektur-Masters, zumindest indirekt von Ihren Aussagen zur heutigen Situation betroffen bin, möchte ich die Gelegenheit nutzen und die von mir gemachten Erfahrungen ebenso zur Diskussion stellen.
    Wie auch immer das Diplomstudium in den 1980er Jahren ausgesehen hat, fällt es mir schwer Ihre Aussagen zum Thema der fehlenden Hingabe und Motivation der heutigen Studenten nachzuvollziehen. Sicherlich gibt es einen gewissen Studierenden-Anteil, für den maximaler Output bei minimalstem Input das höchste aller Ziele ist. Ich behaupte an dieser Stelle aber, dass es diese Art von Studierenden auch schon zur damaligen Zeit gab und auch immer geben wird.

    Was ich allerdings in unterschiedlichsten Gesprächen und auch in meinem Zeichensaal mitbekomme ist eine hohe Identifikation mit der Architektur in all´ ihren Facetten. Egal zu welcher Zeit man den Zeichensaal betritt, irgendwo brennt immer Licht und das nicht nur, um im Photoshop die inhaltslosen Räume zu texturieren.
    Die Frage die sich folglich aufdrängt ist, warum es dieser „Hunger“ und die Hingabe zu den unterschiedlichsten Projekten nicht bis in die Institute und an den Korrekturtisch schafft?

    Während es in den ersten Studienjahren sicherlich hauptsächlich um die Vermittlung von Grundlagen im Gespräch zwischen Lehrenden und Lernenden geht, werden die Fragestellungen mit zunehmender Dauer des Studiums auf beiden Seiten komplexer. Die Tatsache, dass man dann über eine wöchentlich stattfindende, 20- bis 30 minütige Korrektur hinaus seinen Dozenten nur selten in den Instituten und noch seltener auf dem Campus zu Gesicht bekommt, kann meiner Meinung nach nur dazu führen, das meist nur ein oberflächliches Verhältnis und somit eine geringe oder zumindest begrenzte Vertrauensbasis entsteht.

    Das es aber auch zu der von Ihnen gewünschten Verwebung kommen kann, erlebte ich kürzlich selbst, als man nach monatelanger Arbeit am Projekt neben Gesprächen über das Architekturverständnis und den eigenen Entwurf auch die Zeit fand, sich über persönliches zu unterhalten und dabei seinen (architektonischen) Geist auf einer ganz anderen Ebene erweitern konnte. Hierzu brauchte es allerdings eine Exkursion und einem „neutralen“ Raum zur Entfaltung…

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