Architekt, Schuld

von Frank Seehausen
Redaktion: Christian v. Wissel
01.11.2017

Der Architekt ist immer schuld! – Ja, möchte man sagen, es ist ja auch sehr einfach, in der Person der Architektin oder des Architekten einen bequemen Sündenbock zu finden. Ein Architekt, so sagt man und so wird es auch an unserer Universität vermittelt, ist ein Entwerfer, ein Generalist, bei dem alle Fäden zusammenlaufen: hier wird ein Projekt erdacht, entworfen, geplant und koordiniert. Wenngleich die zur Herstellung eines Bauwerks notwendigen Schritte in einem arbeitsteiligen Prozess ablaufen, der von Architektinnen und Architekten bei weitem nicht mehr vollumfänglich kontrolliert und bestimmt wird, so sind und bleiben sie dennoch die am deutlichsten exponierten und angreifbarsten Figuren. Sie stehen und haften für die Qualität eines Bauwerks – und das steht in der Regel ein paar Jahre. Vor allem wenn Probleme auftauchen sind sie die ersten, die verantwortlich gemacht werden für Baumängel, Kostenexplosion und das Ausscheren einzelner Prozessbeteiligter, aber auch für „schlechte Architektur“ gleich welcher Art.

Doch wie viel Einfluss und Mitsprache haben Architektinnen und Architekten heutzutage? Wie ist ihre Position in einem Umfeld, das immer mehr durch Projektentwicklung, Projektsteuerung, Finanzen, Versicherungen und Kommunen bestimmt wird?

Nüchterne Geister verlangen von Architekturschaffenden das Ausbalancieren unterschiedlicher Interessenslagen: Bauen betrifft ja nicht nur den Auftraggeber, sondern auch jegliche Arten von Nutzung, die Gesellschaft, die Städte und Gemeinden, die Umwelt. Architektinnen und Architekten sind daher immer auch der Gesellschaft verpflichtet. Es geht ganz einfach gesprochen auch darum, die Welt besser zu machen – und schöner! Ästhetik ist ein viel zu selten gefordertes und diskutiertes Gut. Und gesellschaftliche Verantwortung spielt selbst in vielen Universitäten und Hochschulen eine untergeordnete Rolle. Die Schuldfrage bewusst provokant und allgemein in den Raum zu stellen, heißt also über Gestaltungsmöglichkeiten und über Verantwortung zu reden.

Zum Beispiel im Namen der Baukultur: In der Diskussion um den bewusst breit gefächerten Begriff ist festzustellen, dass es ebenso kluge und fähige Architektinnen und Architekten wie kluge und fähige Auftraggeberinnen und Auftraggeber sowie Nutzerinnen und Nutzer braucht. Dann aber kann selbst eine kleine Maßnahme große Wirkung erzielen – und wichtige Impulse zur Hebung des baukulturellen Niveaus geben. Voraussetzung dafür ist das Engagement gesellschaftlicher Akteure und eine nicht ausschließlich monetäre Fokussierung.

Oder mit Bezug auf das berufliche Selbstverständnis der Architekturschaffenden: In der Diskussion um die Rolle und Möglichkeiten junger Architektinnen und Architekten zeigt sich die Problematik des nicht wirklich klar umrissenen Berufsbildes, der vermeintlich unpassenden Interessensvertretung durch die Kammern und der ungenügenden Chancen für den Berufseinstieg. In diesem Sinn ist auch die Forderung nach einem grundlegenden Umdenken im Wettbewerbswesen zu verstehen. Offene zweistufige Wettbewerbe sollten die Regel und nicht die Ausnahme sein, nur so würde man den besten Ideen und nicht den am besten etablierten Büros Chancen bieten. Bereits dadurch würde eine breitere und bessere Diskussion um Qualität entfacht.

Vor allem aber geht es in vielen Fällen um die Formulierung von Vorgaben und die Begleitung von Planungs- und Bauprozessen. Umfassende Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeiten werden zunehmend als wichtiges Gut der Planung propagiert, bedürfen aber der Vorstellungskraft, neue Wege zu gehen, weit mehr noch als nur der Mittel, sie zu bezahlen. Dies gilt für die öffentliche Hand ebenso wie für private Investoren: Eine Definition von, wie auch die Diskussion über Qualitätsvorstellungen – sowohl städtebaulich, als auch architektonisch, gesellschaftlich und sozial – bleiben beide Akteursgruppen allzu oft schuldig. Architektinnen und Architekten, so schien es, werden vor allem strategisch ausgewählt und Nutzungen unilateral vorgegeben.

Welche Spielräume bleiben da für Architektinnen und Architekten, qualitätsvolle Architektur zu produzieren? Ist gestalterische Qualität monetarisierbar? Wer hat Angst vor der Projektsteuerung? Und welche Wege bieten sich der Architektur im Umgang mit Kapital und Partizipation? In anderen Worten: Wer hat Schuld, wenn die Qualität eines Bauwerks unseren Ansprüchen (wieder) nicht genügt? Und wie machen wir es besser, so dass es gar nicht erst zur Schuldfrage kommt?

Kontext

Dieser Text ist eine leicht veränderte und gekürzte Fassung des Einführungsvortrags zu der öffentlichen Podiumsdiskussion Der Architekt ist immer schuld? in Kooperation mit der Architekturzeitschrift ARCH+ im Architekturpavillon der TU Braunschweig am 17.5.2017.
Die Inhalte greifen zurück auf das transdisziplinäre Seminar Der Architekt ist immer schuld! (Institut IIKE, TU Braunschweig, in Kooperation mit dem Institut für Infrastruktur- und Immobilienmanagement, WiSe 2016).

2 Kommentare

  1. Felix

    Der Architekt ist Schuld. Der Architekt ist nicht Schuld. Der Architekt ist Schuld. Der Architekt ist nicht Schuld. Verfolgt man die öffentliche Diskussion so findet man sich recht schnell in einem teuflischen Argumentationskreislauf wieder. Vor allem durch Investoren erschlossene Baugebiete sind Zielscheiben laut schreiender Kritiker in den Sozialen – sowie den Printmedien. Immer wieder wird von hässlichen Klotzbauten gesprochen. Die Schuld an einer solchen Bauweise wird meist konsequent beim Architekten gesucht. Pinselführend sollte der Architekt doch in der Lage sein, mit den modernen Möglichkeiten eine innovative Architekturkreativität umzusetzen. In der öffentlichen Wahrnehmung scheint der Architekt jedoch seinen Mut verloren zu haben.
    Eine andere Sichtweise entwickelt sich auf Seiten der Architekten. In Zeiten von massiven Bauvorschriften, mangelnden Flächenkapazitäten und rein monetären Zielen der Bauherren bleibt nur ein sehr geringer Spielraum für Kreativität und Innovation. Der Architekturhistoriker Gert Kähler beschreibt die Problematik in einem Gastbeitrag für die „Zeit“ wie folgt: „Wir wollen möglichst innerstädtisch wohnen, da sind die Grundstücke teuer. Unsere Wohnungen sollen möglichst groß, ökologisch vertretbar, altengerecht, klimaschonend und leise sein – von allem etwas mehr. Nur mehr kosten dürfen sie nicht.“
    Die Thematik der Schuldfrage ist allgegenwärtig. Frank Seehausen schaffte in Koorperation mit der Architekturzeitschrift „ARCH+“ eine Diskussionsplattform im Architekturpavillon. Innerhalb von Podiumsdiskussionen ließ sich ein angeregter Meinungsaustausch ermöglichen. Anders ist es mit seinem Text „Architekt, Schuld“. Zwar bietet der Text grundsätzlich eine Diskussionsgrundlage innerhalb der Architektur und der öffentlichen Wahrnehmung, jedoch handelt er die inhaltlichen Themenschwerpunkte nur oberflächlich und recht neutral ab. Dies liegt vor allem an der Tatsache, dass der Text eigentlich nur in eine öffentliche Podiumsdiskussion einleiten sollte und nicht thematisch und argumentativ für sich stehen sollte. Seehausen schließt seinen Text mit entscheidenden Fragestellungen für eine Diskussion über eine Schuldfrage: „Welche Spielräume bleiben da für Architektinnen und Architekten, qualitätsvolle Architektur zu produzieren? Ist gestalterische Qualität monetarisierbar? Wer hat Angst vor der Projektsteuerung? Und welche Wege bieten sich der Architektur im Umgang mit Kapital und Partizipation? In anderen Worten: Wer hat Schuld, wenn die Qualität eines Bauwerks unseren Ansprüchen (wieder) nicht genügt? Und wie machen wir es besser, so dass es gar nicht erst zur Schuldfrage kommt?“
    Wieso bleiben diese Fragen aber anschließend unbeantwortet? Seehausen bleibt mit seinem Text eine Antwort schuldig. Eine Auseinandersetzung mit den Ergebnissen des öffentlichen Diskurs des 17.05.2017 wäre äußerst spannend gewesen. Somit verfehlt des Format des literarischen Textes in diesem Fall vielleicht das Ziel einer möglichen Diskussionsplattform und eignet sich viel mehr nur als Einführungsvortrag wie auch im Architekturpavillon geschehen.
    Eine andere sehr interessante Variante der Auseinandersetzung mit der Thematik bietet der Beitrag des bereits erwähnten Gert Kähler in der „Zeit“ (https://www.zeit.de/2015/12/neubau-architektur-staedtebau). Durch eine gezielte Wertung und belegte Ausarbeitung seiner Themenpunkte provoziert er eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Liest man die über 60 Kommentare unter dem Beitrag, so zeigt sich ein spannender Diskurs über Schuld und nicht Schuld. Vor allem durch seine fast polarisierende Subjektiviät scheinen sich Leser aktiv mit der Schuldfrage auseinandersetzen zu wollen. Auch der Thesaurus bietet eben eine solche Plattform für eine offene Diskussion. Jedoch wäre es wünschenswert gewesen, den Text für diese Plattform so anzupassen und zu vervollständigen, dass der Leser seine Meinung gezielt abgeben möchte.

  2. Caspar

    „Nulla poena sine culpa“, keine Strafe ohne Schuld. Hat jemand Schuld, dann ist er für einen (rechtswidrigen) Tatbestand verantwortlich und/oder zu belangen. Das kann außerhalb des Strafrechts positiv wie negativ konnotiert sein. Blieb die Person etwas „schuldig“, dann hat jene die Verpflichtung gegenüber einer Instanz oder einem Individuum nicht eingehalten.

    Wie sieht das mit dem Werk des Architekten aus?
    Das Produkt muss zufriedenstellen. Als wesentliche Gesichtspunkte währen heute Brandschutz, Energie, Baukosten, Ökologie und Ressourcenschonung – und noch einige mehr – interessant. Gleichsam stellt sich an den Entwerfenden der Anspruch gestalterisch durchdachten und ästhetischen Raum zu schaffen.

    Ästhetik ist subjektiv. Das Einhalten von gestalterischen Qualitätswerten nicht messbar -geschweige denn monetarisierbar. Da kann ich nur zustimmen.
    Die Umsetzung von thermischer oder ökologischer Gesichtspunkten lassen sich beispielsweise jedoch sehr gut auf Einhaltung prüfen.

    Architektur war immer kontrovers, weil sie nicht wie die etablierten Wissenschaften auf natürlichen Gesetzen beruht, sondern Zeitgeist und wandelnden Werten Raum schafft. Der Beruf war und bleibt in seiner Schaffensform exponiert, weil Sie an sich selber den Anspruch stellt, Menschen und Natur Raum und Qualität für das Leben zu bringen. Das ist etwas Wichtiges, weil es uns als Nutzer täglich betrifft.

    Schuld ist wie Ästhetik etwas Abstraktes. Zur Überprüfbarkeit bedarf es Normen und Formulierungen in einem System.
    Haben wir diese Zeiten nicht hinter uns?

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