Inklusion, Neufert

Inklusion ist ein weitgefächerter Begriff. Zum einen wird er mit der gesellschaftlichen Integration von Menschen mit Behinderung in Verbindung gebracht, insbesondere der Eingliederung von Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen in den allgemeinen Unterricht. Zum anderen wird er auf die soziokulturelle und politische Integration von Migrantinnen und Migranten bezogen. Der Philosoph Arnulf Müller kritisiert den Begriff demnach als „übersättigt“ und bemängelt eine Abschwächung durch zu häufigen Gebrauch. Laut §2 des Neunten Sozialgesetzbuchs lässt sich Behinderung über die „Beeinträchtigung der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“ definieren. Auch wenn der Text auf Menschen mit körperlicher oder psychischer Behinderung ausgelegt ist, können nach dieser Definition weitere Gesellschaftsgruppen, wie z.B. sozial Ausgegrenzte als beeinträchtigt gelten: Um an der heutigen Gesellschaft teilzuhaben ist viel Durchsetzungsvermögen, sowie physische und psychische Gesundheit erforderlich. Da dies aber nicht jedem Menschen gegeben ist, gibt es heutzutage immer noch Gruppen und Individuen, die zwar nicht rechtlich ausgeschlossen werden, in der Realität aber trotzdem nicht teilhaben bzw. -nehmen können. [weiterlesen]

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Autobahn, Zukunft

Die Berliner Stadtautobahn ist weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk: eine Schnellstraße, die über ihren Zweck hinaus auch einen besonderen Blick auf die Stadt bietet. Wim Wenders hat dies 1987 in Der Himmel über Berlin thematisiert. Er filmte den Fluss des Verkehrs, die baulichen Zäsuren und Brüche. Intuitiv erkannte er die filmischen Qualitäten dieser Straße, die mit ihren sanft geschwungenen Gradienten und ihrem gleichmäßigen Fließen eine Ästhetik des einprägsamen Flüchtigen schafft.[weiterlesen]

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Material, displaced

Wenn in Dubai ein Hochhaus aus dem Wüstensand wächst, wird eine Malediven-Insel kleiner. Und zwar nicht erst durch den Anstieg des Meeresspiegels infolge der allgemeinen Aufheizung der Atmosphäre: Der hier vorkommende Sand hat die perfekten Eigenschaften für die Herstellung von Beton. Würde man das Hochhaus auf den Malediven bauen, würde die Insel trotzdem kleiner, wenn wiederum auch deutlich >0 m.ü.NN. [weiterlesen]

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Lehm, Image

Derzeit entstehen erstaunliche Materialien, die Möglichkeiten scheinen grenzenlos: „Intelligente“ Werkstoffe, deren chemische Struktur je nach Bedarf verändert und angepasst wird. Wir haben erkannt, dass die Baubranche einen erheblichen Anteil der globalen CO2-Emission verursacht und suchen nach nachhaltigen Lösungen durch technologischen Fortschritt. Dabei entstehen Gläser, die auf Knopfdruck von transparent auf matt schalten, Stähle, die sich selbst reparieren und Kunststoffe, die sich nach der Sonne ausrichten. In diese Reihe will der Lehm, ein Material, dessen Eigenschaften das Resultat seiner zwar variablen, aber in der Natur schon so vorkommenden Zusammensetzung ist, so gar nicht passen. Lehm ist derart lowtech, und nicht nur eines der ältesten Baumaterialien, sondern schon in der Bibel der Formstoff des Ur-Designers, dass ihm ein sehr konträres Image anhaftet: nämlich einerseits überholt und unzeitgemäß zu sein und andererseits gerade seiner Archaik wegen geschätzt zu werden. [weiterlesen]

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Material, vital

Hortitecture ist aus lateinisch hortus (Garten) und architecture abgeleitet. Diesen Begriff möchte ich einführen, um damit die Suche nach synergetischen Effekten zwischen Architektur und Pflanzen zu bezeichnen: Projekte, die das Potential vitaler Pflanzen für die Architektur ausloten, nämlich zugleich Material und Agent von Architektur zu sein. Hortitecture grenzt sich damit ab sowohl von der Verwendung von Pflanzen als totes, verarbeitetes Material, von der bloßen Applikation von Pflanzen als Mimikri von Natürlichkeit als auch von der biomorphen Simulation von bei Pflanzen beobachteten Effekten in der Herstellung synthetischer Stoffe und Konstruktionen. [weiterlesen]

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Flur, Schule

Die aktuellen Entwicklungen im Schulbau zeichnen ein ganz neues Bild des klassischen Schulflurs. Ursprünglich als reine Erschließungsachse geplant, von der aus alle Klassenzimmer abgehen, gilt der Schulflur heute als Feindbild architektonischer Kreativität und Symbol einer nicht mehr gewollten, hierarchischen Ordnung von Raum und Lehre. Als prägende Raumstruktur des Erfahrungsorts Schule scheint er alle negativen Erinnerungen an die eigene Schulzeit in sich zu vereinen. Wie sehr müssen auch Architektinnen und Architekten in den Gängen ihrer Schulzeit gelitten haben? Wie viel mehr aber bedeutete dieser Schulflur bereits damals für die Schule und ihre Nutzerinnen und Nutzer? [weiterlesen]

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Material, Magie

„Die Materie muß wieder vergöttlicht werden. Die Stoffe sind geradezu mystische Substanzen. Wir müssen tief und ehrfürchtig staunen, daß etwas Ähnliches überhaupt geschaffen wurde“, schreibt Adolf Loos 1924. Zu einer Zeit also, als die synthetischen Stoffe Glas, Beton, Mineralputz gerade in einer puristischen Inszenierung ihrer Künstlichkeit zum Werkstoff avancierten, der nahezu gleichbedeutend wurde mit der architektonischen Moderne. Loos meinte aber mit den mystischen Substanzen die natürlichen, also nur be- und nicht verarbeiteten Werkstoffe. Indem er schreibt, man müsse sie wieder vergöttlichen, scheint er der/dem Lesenden anzudeuten, dass ihm bewusst ist, wie sehr dieser Gedanke in der Tradition romantischer Naturverklärung wurzelt. [weiterlesen]

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Architekt, Schuld

Der Architekt ist immer schuld! – Ja, möchte man sagen, es ist ja auch sehr einfach, in der Person der Architektin oder des Architekten einen bequemen Sündenbock zu finden. Ein Architekt, so sagt man und so wird es auch an unserer Universität vermittelt, ist ein Entwerfer, ein Generalist, bei dem alle Fäden zusammenlaufen: hier wird ein Projekt erdacht, entworfen, geplant und koordiniert. Wenngleich die zur Herstellung eines Bauwerks notwendigen Schritte in einem arbeitsteiligen Prozess ablaufen, der von Architektinnen und Architekten bei weitem nicht mehr vollumfänglich kontrolliert und bestimmt wird, so sind und bleiben sie dennoch die am deutlichsten exponierten und angreifbarsten Figuren. Sie stehen und haften für die Qualität eines Bauwerks – und das steht in der Regel ein paar Jahre. Vor allem wenn Probleme auftauchen sind sie die ersten, die verantwortlich gemacht werden für Baumängel, Kostenexplosion und das Ausscheren einzelner Prozessbeteiligter, aber auch für „schlechte Architektur“ gleich welcher Art. [weiterlesen]

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Material, Ethik

Man kann sich darüber streiten, ob Materialien und Dinge eigene Handlungsmacht haben oder durch den Menschen lediglich mit einer solchen animiert werden. Was erstere als Assemblage Thinking oder auch New Materialism feiern, kritisieren letztere als Verlust des Politischen. Einigkeit aber herrscht bei der Annahme, dass alle Dinge eine spezifische Geschichte haben, eine Biographie. Von dieser Lebensgeschichte erzählen sie uns. So auch die Bauteile, aus denen wir Architektur schaffen. [weiterlesen]

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